Gereifte Weine in Basisqualitäten: ein unterschätzter Genuss
Immer wieder überraschen Winzer mit gereiften Weinen in ihrem Sortiment – wie ich finde, noch viel zu selten. Vor allem auch nicht nur die Einzellagen und Großen Gewächse haben Potenzial, auch vermeintliche „Weine für jeden Tag“, aus Ortslagen oder einfache Standard- und Gutsweine bringen nicht selten nach Jahren in der Flasche noch ganz hervorragende Qualitäten hervor.
Gerade kürzlich durfte ich das wieder auf der VDP-Weinbörse genießen. Weinmäßig in Südbaden sozialisiert, bin ich ein großer Fan von vorzugsweise trocken ausgebautem Muskateller. Als ich über die Hallen in Mainz schlenderte, stach mir daher sofort der Gelbe Muskateller aus dem aktuellen Jahr vom Weingut Theo Minges auf der Weinliste ins Auge, den ich dann auch sofort probieren wollte. Schließlich ist diese Variante reinsortig ausgebaut eher selten in Deutschland zu haben, wenngleich etwa auch hier in meiner neuen Heimat, in Franken, beim Weingut Zehnthof Luckert.
Trockener Muskateller aus dem Jahr 2014: Weingut Minges
Offensichtlich äußerte ich an diesem Tag ein eher ungewöhnliches Begehren, denn Regine Minges, die den Schankausschank in Mainz gerade übernahm, teilte mir mit zufriedenem Lächeln mit, dass ich dann doch bitte die gereifte Variante zu probieren habe. Da hörte ich mich dann selbstverständlich nicht nein sagen. Offenbar beim Kelleraufräumen hatte man noch einige Flaschen Gelber Muskateller aus dem Jahr 2014 entdeckt. Und ich muss sagen, ich war schwer beeindruckt: Der Wein kam dermaßen frisch daher, das Muskateller-Bouquet war zwar klar erkennbar, aber in keinster Weise aufdringlich, sondern ausgesprochen elegant. Klar ist das ein gereifter Wein, aber die 12 (!) Jahre merkt man ihm überhaupt nicht an. Absolut grandios; beeindruckend was man aus dieser ja gern als etwas dubios empfundenen Sorte machen kann (94 Punkte)!


Es soll noch einige wenige Flaschen geben, die man per Mail über die Weingutswebsite ordern kann. Sollte der 2014er ausverkauft sein, lohnt es sich aber auch den aktuellen Jahrgang einzulagern, wenn man so lange warten kann und will.
Schloss Neuweier aus dem ersten Jahr von Robert Schätzle
Normalerweise dient die VDP-Weinbörse ja als Schaufenster für die aktuellen Jahrgänge. Umso mehr freute ich mich doppelt, als ich meinen Schulfreund Robert Schätzle an seinem Stand des Weingutes Schloss Neuweier traf (wir haben zusammen in Breisach Abitur gemacht und beide dabei exakt 589 Punkte erzielt, ein Punkt weniger und es wäre statt der 2,3 eine 2,4 gewesen, aber das ist eine andere Geschichte…). Robert hatte seinen ersten im Schlossgut gemachten Wein dabei, einen 2012er Ortswein Neuweirer Riesling RS trocken. Und auch dieser hat mich begeistert! Nun kann Riesling ja bekanntermaßen länger reifen als andere Sorten, aber in dieser Qualitätsstufe ist das schon etwas Besonderes: Sicherlich gereift, aber lebendig und mit viel Frische, ebenfalls sehr filigran und wie es schon heißt auf der „Zunge tänzelnd“ (5 Euro ins Phrasenschwein), kaum Petrolnoten. Meiner Meinung nach macht im eigentlichen Burgunderland Baden, selbst in der Ortenau, kaum jemand besseren Riesling (Zweiflern seien mal die Lagen Mauerberg und Goldenes Loch empfohlen), aber darunter schon auf Ortsweinniveau solche Langstreckenläufer zu entdecken, war ein sehr erfreuliches Erlebnis (ebenfalls 94 Punkte).


Baden vs. Elsaß: gereifter Riesling
Auf der Weinbörse verabredeten wir uns gleich für ein anderes Vorhaben nämlich der Konzeption und Umsetzung einer Keller-App für die Weinbereitung mit Vibe-Coding und KI (KI ist meine andere Leidenschaft), aber auch das ist eine andere Geschichte… Jedenfalls durfte ich in diesem Rahmen bei dem eine Woche später folgenden Besuch meine Recherche zu gereiften Weinen fortsetzen. Nach getaner Arbeit verkostet wir den 2012er nochmals, diesmal allerdings im Vergleich mit einem elsässischen Pendant von Weingut Hugel aus Riquewihr (Reichenweiher). Der Estate Riesling (also in etwa der „Gutswein“) aus dem Jahr 2012 erwies sich als würdiger Partner. Eigentlich bin ich kein Fan von elsässischen Weinen. Auch wenn es natürlich tolle Ausnahmen gibt (Zind-Hubrecht, Trimbach und noch ein paar andere, auch kleinere Weingüter), sind die Weine doch oft schwer und barock, Sie scheinen geschmacklich oft in den Moden der 80er und 90er stehen geblieben zu sein. Nicht so dieser Wein, der sich ebenfalls noch erstaunlich jung präsentiert, erfreulich modern ausgebaut und – trocken mit 12% Alkohol – auch ansonsten keine typische Elsaß-Schwere vermittelt (91 Punkte).


Dass in Zentraleuropa trotz Klimawandel solche Reifeprozesse noch möglich sind (auch wenn diese Weine schon mehr als eine Dekade auf dem Buckel haben und sich klimatischen Bedingungen seitdem sicherlich nochmals verändert haben), macht Mut. Es zeigt sich, dass gute Arbeit in Weinberg und Keller zu absoluten Höchstleistungen führen können. Und wieder mal ist bewiesen, dass man ruhig mehr Mut haben sollte, auch vermeintlich einfachen Weißweinqualitäten mehr Zeit zu gönnen.
