Weinevents in schwierigen Zeiten: VinVin Mainz und Müllheimer Weinmarkt
April und Mai ist eine beliebte Zeit für Weinevents. Wir haben uns kürzlich zwei sehr unterschiedliche Formaten angeschaut: den Müllheimer Weinmarkt und der VinVin in Mainz. Nur eines davon macht Lust auf mehr. Wie man dem Abwärtstrend der Branche mit guten Weinevents entgegnet – oder genau das Gegenteil erreicht.
Ein Wochenende voller Weinevents
Die letzte April-Woche und der Übergang in den Mai sind für Weinnerds und -profis seit längerem ein Highlight im Weinjahr – mit vielen Veranstaltungen aus unterschiedlichen Segmenten. In Südbaden, im Markgräflerland, konkurriert jedes Jahr, so auch 2026, am letzten Freitag im April der Badische Landweinmarkt, ausgerichtet vom Top-Weingut Ziereisen, mit dem Müllheimer Weinmarkt.
Am darauffolgenden Sonntag und Montag richten die Profis – Händler und Erzeuger – ihren Blick auf Mainz, wo die alljährliche VDP-Weinbörse stattfand. Und praktischerweise konnte man am dazwischenliegenden Samstag noch auf der VinVin in Mainz vorbeischauen: ein bewusst zeitlich und örtlich nah gewähltes Schaufenster der Winzer von der Nahe und aus Rheinhessen, das dieses Jahr zum zweiten Mal stattfand.
Ich hatte das Glück, das komplette Wochenende Zeit zu haben, entschied mich gegen den Landweinmarkt und für Müllheim und fuhr am darauffolgenden Tag nach Mainz, um dort die anderen beiden Events mitzunehmen.
Müllheimer Weinmarkt: Wie man eine Kultveranstaltung in zwei Jahren entwertet
Der Müllheimer Weinmarkt ist eigentlich Kult. So ziemlich jedem Wein-Nerd, der mir bisher über den Weg lief, habe ich diesen Event in der Vergangenheit dringend ans Herz gelegt – eine der ältesten Vermarktungsveranstaltungen für Wein in Deutschland überhaupt. Das lag vor allem an dem einzigartigen Konzept: Für ein paar Euro konnte man sich durch ca. 400 Weine am freitäglichen Nachmittag und Abend probieren. Ausgeschenkt wurde nicht vom Winzer, sondern von den örtlichen, in Tracht gewandeten Landfrauen, aus schon legendären nummerierten Styropor-Kisten. Die Weine waren dabei nach Sorten geordnet. Man trank sich also erst durch Gutedel, dann durch Riesling, Weiß- und Grauburgunder, die Bouquet-Sorten – und dann ging es hoch, in die erste Etage des Bürgerhauses, zum Rotwein. Kultig war das Ganze auch deshalb, weil sich hier die lokalen Profis – Weinerzeuger und Einkäufer – mit den Feierabend-Trinkern trafen, die aber in Baden natürlich schon allein herkunftsbedingt professioneller unterwegs sind als Amateure anderswo (das behaupte ich jedenfalls als geborener Südbadener).
Leider hat man dieses über Jahrzehnte bewährte Konzept bereits letztes Jahr – meiner Meinung nach völlig ohne Not – geändert. Nun ergibt sich das von vielen Weinmessen bekannte Bild: Die Winzer stellen 5-6 Flaschen an und schenken direkt an die Interessierten aus. Angeblich bestand der Wunsch von Erzeugerseite, entsprechend persönlicher mit den Kunden kommunizieren zu können. Der Preis dafür ist aber in vielerlei Hinsicht hoch: Im Vergleich zu den Vorjahren herrschte erschreckende Leere in der Halle, auch die Anzahl der ausstellenden Erzeuger und der verfügbaren Weine hat sich deutlich verringert. In der Vergangenheit lud man zudem themenbezogen Winzer aus den Nachbarländern Schweiz und Frankreich ein, die das Angebot zum Beispiel durch ihre Interpretation des Gutedels (Chasselas …) bereicherten. Davon diesmal keine Spur. Vor allem den beruflich Anwesenden stieß zudem auf, dass nun, anders als früher, keine detaillierten technischen Daten zu den Weinen mehr zur Verfügung standen. Das Fachsimplen beim Publikum blieb damit auch eher auf der Strecke.
Wenn man eine Gebrauchsanleitung benötigt, wie man eine seit Jahrzehnten etablierte Veranstaltung und die Marke dahinter binnen kürzester Zeit zerstören möchte: Die Veranstalter des Müllheimer Weinmarktes haben die Blaupause dafür. Das ist eigentlich fast schon tragisch. Ich jedenfalls werde mich nächstes Jahr für den Badischen Landweinmarkt entscheiden.
VinVin Mainz: modernes Eventkonzept ohne Allüren
Wie man klassische Formate trotzdem zeitgemäß umsetzen kann, zeigte sich am folgenden Tag auf der VinVin in Mainz. Im Vergleich zum dann doch sehr altbacken wirkenden Format in Müllheim hat diese – natürlich auch zeitlich sehr geschickt am Vorabend der VDP-Weinbörse angesetzte – Veranstaltung, organisiert von Maxime Herkunft Rheinhessen und Weinland Nahe, tradierte Eventgepflogenheiten perfekt mit einer modernen Umsetzung kombiniert. Auch hier stellten die Winzer in der Regel sechs Weine an, aber das Drumherum war einfach originell und stimmig und kam deutlich „jugendlicher“ daher.
Angefangen bei der Location, einer alten, in komplettem Schwarz gehaltenen Posthalle in Bahnhofsnähe, über das durchdachte, stylishe Design, das konsequent von der Website bis zur Beschilderung hochprofessionell wirkte, bis hin zur Organisation des Rahmenprogramms – rundherum kam das sehr gelungen daher. Es wuselte und vibrierte auf den Gängen, Highlights waren die teilweise fachlich hervorragenden Messeführungen – für mich mündete vor allem die Chardonnay-Führung von Florian Hopf in Erkenntnisgewinnen – und nicht zuletzt das hochkommunikative Restetrinken am Schluss: eine unterhaltsame und sinnvolle Verwertung der angebrochenen Flaschen am Ende des Messetages. Damit verschmerzte man auch die für eine Fachmesse aberwitzig überteuerten Masterclasses, die zusätzlich gebucht werden mussten.

Ab 21:00 Uhr wurde dann ein Teil der Veranstaltung für das B2C-Publikum geöffnet, bei Beats und Streetfood konnte man den Abend ausklingen lassen. Offensichtlich gelang es, sowohl Fachbesucher als auch Endverbraucher anzusprechen. Die Schlange an der Abendkasse wuchs in kurzer Zeit sprunghaft. Und dass man viele Gesichter der Fachmesse auch auf der VDP-Weinbörse am nächsten Tag wieder traf (teilweise leicht verkatert), war wenig verwunderlich.
In Summe eine sehr gelungene Konzeption, die wohl auch von Erfolg gekrönt war: Die nächste VinVin findet am 24.04.2027 wieder im Alten Postlager in Mainz statt.
Was Weinveranstalter daraus lernen können
Man gewinnt den Eindruck, dass so manches Problem der Weinbranche zumindest zum Teil auch ein wenig hausgemacht ist. Mit konsequent durchdachten und zeitgemäßen Veranstaltungskonzepten lässt sich aber etwas bewegen, so scheint es. Manchmal muss man sicherlich Dinge neu denken, wenn man etwas verändern möchte. Dann aber mit zielgerichtetem Blick und adäquater Strategie.
