Die Vielfältigkeit von Silvaner: Klassisch vs. Spontanvergoren aus dem Granitfass
Gestern Nachmittag habe ich etwas freie Zeit genutzt, um Wein für ein Familienfest zu kaufen. Als önologischer Immigrant setze ich der badischen Verwandtschaft dabei immer gerne auch aus pädagogischer Motivation fränkischen Silvaner vor. Und da sich das Fest über mehrere Tage erstreckt, sollte ein guter Vertreter dieser fränkischsten aller Sorten in zechgerechter Boxbeutelqualität her. Also, auf nach Nordheim zur Winzergenossenschaft Divino, die stets ein verlässlich gutes Preis-Leistungsverhältnis in dieser Kategorie zu bieten hat. Außerdem hatte ich im hauseigenen Magazin über einen neuen spontanvergorenen Wein aus dem Granitfass, den Puro, gelesen. Das klang irgendwie schon ein wenig beängstigend. „Fordernd“, „anders“ und „Auseinandersetzung suchend“, waren die verwendeten Attribute.
Silvaner aus dem Granitfass, spontanvergoren
Unterhaltsam erwiesen sich die Mitarbeiter bei Divino, die noch etwas mit dem Wein zu fremdeln scheinen. Aber als ich um einen Probierschluck bat, ließ sich auch die ganze Mannschaft an der Theke einschenken – unisono lautet das überraschte Urteil: „Hm, deutlich, deutlich besser als beim letzten Mal“. Der Wein scheint in den letzten Monaten – wie vom Kellermeister prophezeit – nochmal eine ziemliche Metamorphose durchlaufen zu haben.
Das Ergebnis ist tatsächlich überraschend. Ich hätte mein linkes Ohr darauf verwettet, dass der Wein im Holzfass lag – tatsächlich lag er aber eben im Granitfass, hat da natürlich auch Luft bekommen, aber dieser intensive Buttergeruch und -geschmack sind schon sehr ungewöhnlich. Dabei hat der Wein kaum Säure, was auf den ersten Schluck etwas irritierend wirkt. Aber in sich ist das durchaus geschlossen und konsequent. Man denkt sofort an eine butterträchtige Essenskombi, beispielsweise eine Beurre Blanc oder auch eine Hollandaise, die kann der Wein ohne Probleme tragen.
Interessant ist die Frage, wie lange man so etwas liegen lassen kann. Darauf wollte keiner der Anwesenden so recht eine Antwort wagen. Ist auch wirklich schwer. Erfahrungswerte fehlen bei einem so unvergleichlichen Produkt, gleichwohl prognostiziert der Kellermeister einen Höhepunkt erst in 10 Jahren.


Im Moment ist der Wein schwer zu bewerten, nicht nur weil das Beste vielleicht noch kommt. Der Puro ist durchaus jetzt trinkbar, aber eben äußerst ungewöhnlich. Wir sind mal mit 90 Punkten eingestiegen.
Silvaner klassisch in GG-Qualität
Nach einer kurzen fachlichen Diskussion empfahl man mir noch den Silvaner Grand Reserve 2022 als Kontrapunkt. Wahrlich ein totales Gegenstück zum Puro. Absolut auf dem Punkt, frisch und vielschichtig, ganz klar Silvaner und in Bestform. So kennt man das sonst wirklich nur von den ganz großen Weingütern hier in Franken. Der Wein lag im Holz. Das ist aber ausgesprochen gut integriert und verleiht ihm eine typische unterfränkische cremige Note. Eine tolle Interpretation, aber dabei absolut stilgerecht (92 Punkte).


Zwei Weine, eine Sorte und die selbe Winzergenossenschaft (mit dem gleichen Kellermeister). Aber zwei völlig unterschiedliche Produkte – das war schon sehr spannend. Gekauft habe ich übrigens beide (jeweils 18,90 €), und zwar gleich mehrere Flaschen, um die Reifung über die Jahre zu verfolgen.
Guter Wein weckt eben auch den Forschergeist.
