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Tokaj neu entdecken: Ungarns Weinschatz jenseits des süßen Klischees

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Ludwig XIV. soll den Tokajer „Wein der Könige, König der Weine“ genannt haben. Belegt ist der Satz nicht, er wird seit Jahrhunderten weitererzählt. Aber er sagt viel über den Ruf dieses goldenen Süßweins aus den Hügeln im Nordosten Ungarns: Der Überlieferung nach gelangte er über den ungarischen Fürsten Franz II. Rákóczi an den französischen Hof, und an vielen europäischen Fürstenhöfen stand er seit dem 16. und 17. Jahrhundert auf der Tafel.

Das ist heute schwer vorstellbar, wenn man die heutigen Preise sieht. Ein guter Tokaji Aszú 5 Puttonyos kostet 35 bis 60 Euro. Für einen Süßwein dieser Komplexität, der mit den besten Sauternes oder deutschen Trockenbeerenauslesen konkurriert, ist das lächerlich wenig.

Was Tokaji Aszú ist: Botrytis und das Puttonyos-System

Um Tokaj zu verstehen, muss man zwei Dinge wissen: die Rebsorte und den Schimmel.

Die Hauptrebsorte ist Furmint, eine autochthone ungarische Sorte mit dünner Schale, hoher Säure und außergewöhnlicher Anfälligkeit für Botrytis cinerea, den Edelschimmel. Botrytis ist dieselbe Pilzinfektion, die Sauternes groß macht und in Deutschland zur Trockenbeerenauslese führt. Der Pilz perforiert die Beerenhaut, Wasser verdunstet, die Beerenmasse konzentriert sich.

Im Tokaj-Gebiet, einem vulkanischen Hügelland nahe der slowakischen Grenze, wo im Herbst Nebel vom Fluss Bodrog aufsteigen, sind die Bedingungen für Botrytis besonders günstig. Seit der Reform von 2013 gilt eine einfache Untergrenze: Tokaji Aszú muss mindestens 120 g/l Restzucker haben und mindestens 18 Monate im Fass reifen. Die früheren Stufen 3 und 4 Puttonyos sind abgeschafft, ebenso die Kategorie Aszú-Eszencia. Die Puttonyos-Zahl darf weiter auf dem Etikett stehen:

  • 5 Puttonyos: mind. 120 g/l Restzucker
  • 6 Puttonyos: mind. 150 g/l Restzucker

Flaschen mit 3 oder 4 Puttonyos stammen aus Jahrgängen vor der Reform. Was süß, aber unter der Aszú-Grenze ist, kommt heute als Spätlese (Késői szüretelésű) in den Handel.

Tokaji Eszencia ist eine eigene Kategorie: der frei abtropfende Most aus gestapelten Aszú-Beeren, ohne Pressen. Er enthält bis zu 850 g/l Zucker. Einzelne historische Flaschen aus dem 18. Jahrhundert wurden in Kellern gefunden und als trinkbar beschrieben.

Der neue Tokaj: Trockener Furmint als Entdeckung

Während die internationale Weinpresse Tokaj jahrzehntelang ausschließlich als Süßwein-Region wahrnahm, entwickelte sich seit etwa 2005 eine zweite Identität: trockener Furmint als eigenständige Weinstil-Kategorie.

Furmint trocken ist strukturell etwas völlig anderes als Furmint süß. Die hohe Säure der Sorte, vergleichbar mit Riesling von der Mosel, manchmal schärfer, erzeugt Weine mit großer Spannung und Mineralität. Die vulkanischen Böden geben den Weinen eine eigenartige Rauchigkeit und Würze. Die Alterungsfähigkeit ist beträchtlich: Trockener Furmint aus guten Lagen kann 15 bis 25 Jahre reifen.

Hárslevelű: Die zweite Säule

Neben Furmint ist Hárslevelű („Lindenblatt“) die zweite wichtige Rebsorte. Hárslevelű ist weniger säurebetont, weicher, mit ausgeprägt floralen Noten (Lindenblüte, Akazien, Bienenwachs). Trocken ausgebaut ergibt sie zugänglichere Weine als Furmint, gut für den Einstieg in die Region.

Produzenten: Wer den modernen Tokaj definiert

István Szepsy gilt ohne Einschränkung als der wichtigste zeitgenössische Winzer Tokaj-Hegyaljas. Szepsy begann in den frühen 1990er Jahren, nach dem Ende des kommunistischen Kollektiv-Weinbaus, sein Weingut in Mád aufzubauen und definierte den Stil des trockenen Furmint als eigenständige Weltklasse-Kategorie. Sein Szepsy Furmint Úrágya ist eine der begehrtesten Flaschen der Region.

Royal Tokaji ist das bekannteste internationale Weingut der Region, 1990 gegründet, unter anderem von dem dänischen Winzer Peter Vinding-Diers und dem britischen Weinautor Hugh Johnson. Ihre Aszú-Weine, insbesondere Mézes Mály und Nyulászó, sind klassisch, verlässlich und für Einsteiger ideal.

Disznókő ist eine der größten Domänen, 1992 von der französischen Versicherungsgruppe AXA übernommen. Gut für den Einstieg, stilsicher und international ausgerichtet.

Oremus gehört zur spanischen Vega-Sicilia-Gruppe und produziert sowohl klassischen Aszú als auch trockene Furmint-Weine (Mandolás) auf hohem Niveau.

Erzsébet Pince ist ein kleineres, familiengeführtes Weingut, das trockene Furmint- und Hárslevelű-Weine produziert, die regelmäßig die Qualität bekannterer und teurerer Betriebe übersteigen.

Warum Tokaj noch immer unterbewertet ist

Die Zahlen sind eindeutig. Ein Tokaji Aszú 5 Puttonyos von Royal Tokaji oder Szepsy kostet 40 bis 70 Euro. Ein Sauternes vergleichbarer Qualität wie Château Rieussec oder Suduiraut beginnt bei 80 Euro und endet bei über 200 Euro. Ein Château d’Yquem kostet das Zehnfache.

Der Preisunterschied erklärt sich aus Bekanntheit, Distributionsnetzwerk und Marketing. Sauternes sitzt innerhalb des Bordeaux-Systems mit seinen globalen Händlernetzwerken. Tokaj sitzt in Ungarn.

Das ändert sich. Szepsy hat Wartelisten. Royal Tokaji erhöht die Preise. Das Zeitfenster, in dem man Weltklasse-Süßweine und hochwertige trockene Furmints zu Discounter-Preisen kauft, schließt sich.

Womit anfangen: konkrete Empfehlungen

Einstieg: Ein Royal Tokaji Aszú 5 Puttonyos (35–50 Euro) ist die klassische Einführung. Dazu: ein trockener Disznókő Furmint (15–20 Euro), um zu verstehen, was die Rebsorte außerhalb des Aszú-Kontexts kann.

Nächste Stufe: Erzsébet Pince Furmint trocken oder Oremus Mandolás Furmint. Beide zeigen das Alterungspotenzial der Sorte und die mineralische Tiefe.

Für Kenner: Szepsy ist schwer zu finden, aber der Aufwand lohnt sich. Wer keinen Zugang hat: Royal Tokaji Mézes Mály oder Nyulászó sind Einzellagen-Aszú, die daran erinnern, warum Tokaji einmal als König der Weine galt.

Tokaj ist nicht so einfach zu verstehen wie Burgund und nicht so medial präsent wie Sauternes. Aber es ist eine der wenigen Weinregionen, in der Geschichte, Terroir und Modernität so eng ineinandergreifen – und in der man noch immer das Gefühl hat, etwas zu entdecken, bevor es alle wissen.

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