artikel 07 slowenien

Slowenien: Der stille Pionier des europäischen Naturweins

Auf den Hügeln von Brda, dort wo Slowenien und Italien eine Grenze teilen, die der Weinberg nicht kennt, wachsen Rebsorten, die in keiner Massenproduktion auftauchen. Die Landschaft ist toskanisch in ihrer Schönheit, mit Kirschbäumen, Olivenhainen und Terrassenlagen. Aber das ist eine oberflächliche Verwechslung. Was hier passiert im Keller, was hier gedacht wird über Wein, ist eine eigene Geschichte.

Eine Region, zwei Länder, eine Kultur

Das Collio auf italienischer Seite und Brda auf slowenischer Seite der Grenze sind geologisch und kulturell identisch. Die Ponca, ein blaugrauer Wechsel aus Sandstein und Tonmergelschiefer, zieht sich durch beide Gebiete. Dieselben Rebsorten, Rebula (Ribolla Gialla), Malvazija und Friulano, werden auf beiden Seiten angebaut. Die Winzer kennen einander, besuchen einander, trinken miteinander. Die Grenze, die nach dem Zweiten Weltkrieg neu gezogen wurde, hat die Weinkultur nicht aufgeteilt.

Für den internationalen Weinmarkt ist das eine eigenartige Situation: Weine, die in beiden Herkunftssystemen entstehen (Collio DOC auf der einen, Brda auf der anderen Seite), sind stilistisch kaum auseinanderzuhalten, aber handelspolitisch völlig unterschiedlich positioniert. Italienischer Collio hat mehr Bekanntheit; slowenischer Brda hat oft das bessere Preis-Leistungs-Verhältnis.

Stanko Radikon: Der Gründervater

Wenn man einen einzelnen Menschen für die weltweite Aufmerksamkeit auf den Naturwein aus diesem Gebiet verantwortlich machen wollte, wäre es Stanko Radikon aus dem friulanischen Oslavia, wenige Kilometer von der slowenischen Grenze entfernt. Radikon begann in den 1990er Jahren, seine Weißweine mit langer Mazerationszeit auszubauen: Wochen, manchmal Monate auf den Schalen, ohne Temperaturkontrolle, ohne Schwefelzugabe.

Das Ergebnis waren Weine in einer Kategorie, die damals noch keine Kategorie hatte. Bernsteinfarbene, tanninreiche, oxidativ geprägte Weißweine, die anders funktionierten als alle Vergleiche. Radikon starb 2016; sein Sohn Saša führt das Weingut weiter, konsequent in der Philosophie des Vaters. Die Weine werden noch immer in ungewöhnlichen Flaschen (1 Liter und 0,5 Liter) abgefüllt. Stanko hielt 0,75 Liter für die falsche Menge für zwei Menschen am Esstisch und ließ dazu einen schmaleren, eigens entwickelten Korken herstellen, der die langsame Reifung seiner schwefelfreien Weine unterstützen soll.

Movia und Aleš Kristančič

Auf der slowenischen Seite der Grenze ist Movia das bekannteste Weingut. Aleš Kristančič, charismatisch und polarisierend, produziert Weine, die keine Kompromisse eingehen. Sein Lunar, ein Weißwein mit langer Mazerationszeit, wurde zu einer der Ikonen des Naturweins weltweit. Sein Puro, ein Schaumwein, der undegorgiert mitsamt Hefe in den Handel kommt und vom Trinkenden selbst kopfüber unter Wasser geöffnet wird, ist Performance und Statement zugleich.

Movia bewirtschaftet Lagen auf beiden Seiten der Grenze und hat damit in der Praxis gelebt, was politisch kompliziert bleibt. Die EU-Mitgliedschaft Sloweniens 2004 und der Wegfall von Grenzkontrollen 2007 haben die alltägliche Weinarbeit einfacher gemacht.

Klinec und die stille Arbeit

Neben den bekannten Namen gibt es Betriebe, die weniger inszenieren und mehr arbeiten. Klinec in Medana, tief in den Brdaer Hügeln, ist so einer. Aleks und Simona Klinec bewirtschaften ihre gut sechs Hektar nach ökologischen und biodynamischen Prinzipien und keltern daraus Rebula, Malvazija, Jakot (Friulano) und Rotweine, ohne großes Marketingprogramm. Die Weine sind stimmig, lagerfähig und vergleichsweise erschwinglich – alles, was man von einem ernsthaften kleinen Betrieb erwartet.

Das Vipava-Tal: Die andere Seite

Brda ist die bekanntere Region, aber das Vipava-Tal westlich von Ljubljana ist die überraschendere. Kühler, windiger: Die Bora, ein kalter Nordostwind, bläst hier mit einer Regelmäßigkeit, die die Rebstöcke zwingt, tief zu wurzeln. Einheimische Sorten wie Zelen und Pinela, außerhalb Sloweniens praktisch unbekannt, produzieren hier Weine von eigentümlicher Intensität. Betriebe wie Burja Estate (Primož Lavrenčič) haben diese Region international bekannt gemacht.

Warum Slowenien unterschätzt wird

Slowenien produziert insgesamt etwa 80 Millionen Liter Wein jährlich, ein winziger Anteil am europäischen Markt. Die Exportstrukturen sind wenig entwickelt. Das Land hat keine Weinkritiker-Tradition, keinen eigenen Parker-Äquivalent. Und der Name „Slowenien“ löst bei durchschnittlichen Weintrinkerinnen keine Assoziation aus.

Das ändert sich. Sommeliers in London, New York und Tokio haben Slowenien entdeckt. Restaurants mit anspruchsvollen Weinkarten listen Movia, Klinec, Burja. Die Preise sind noch moderat. Das Fenster, in dem man hier günstig einsteigen kann, ist offen, aber es schließt sich.

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert