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Generationenwechsel im deutschen Weinbau: Bio an der Spitze, nicht in der Breite

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Zwei Zahlen beschreiben den deutschen Weinbau gerade besser als jede Reportage. Im Verband Deutscher Prädikatsweingüter (VDP) werden nach dessen jüngstem Lagebericht gut 40 Prozent der Rebfläche ökologisch bewirtschaftet, und etwa jeder zehnte Mitgliedsbetrieb arbeitet biodynamisch. Bundesweit lag der Öko-Anteil an der Rebfläche 2023 bei rund 15 Prozent.

Daraus folgt die These dieses Textes: Die Meinungsführerschaft im deutschen Weinbau hat gewechselt. Wer heute trockene Spitzenweine macht, arbeitet überdurchschnittlich oft ökologisch. In der Breite bleibt Bio aber eine Minderheit. Der Generationenwechsel hat die Spitze verändert, nicht die Masse, und die spannende Frage ist, ob die Spitze die Breite mitzieht.

Weniger Betriebe, mehr Fläche, andere Köpfe

Der Generationenwechsel findet in einem schrumpfenden Feld statt. Laut Agrarstrukturerhebung 2020 bewirtschafteten in Deutschland 15.151 Betriebe Reben, ein Fünftel weniger als 2010. Die Rebfläche blieb mit knapp 100.000 Hektar fast gleich, im Schnitt bewirtschaftet ein Betrieb inzwischen 6,6 Hektar. Viele kleine Höfe geben auf, andere wachsen.

Wer in dieser Lage übernimmt, übernimmt selten einfach den Betrieb der Eltern. Er oder sie muss entscheiden, wofür das Weingut stehen soll. Bei einer auffällig großen Zahl der heute bekannten Betriebe fiel die Antwort auf ökologischen oder biodynamischen Anbau, auf trockene Weine und auf Herkunft. Drei Beispiele zeigen, dass dahinter ganz unterschiedliche Wege stehen.

Wittmann: Wandel als Kontinuität

Die Familie Wittmann ist in Westhofen seit 1663 nachweisbar. Die Umstellung auf ökologischen Anbau begann nicht mit dem Sohn, sondern mit dem Vater: Schon 1990 ließ die Familie den Betrieb bio-zertifizieren. Philipp Wittmann verantwortet seit 1999 den Keller, seit 2004 ist das Weingut nach Demeter-Richtlinien zertifiziert. Er wurde 2005 Vorsitzender des VDP Rheinhessen und 2012 Vizepräsident des Bundesverbands, Gault&Millau kürte ihn zum Winzer des Jahres 2014.

Bemerkenswert ist das, weil es einem verbreiteten Bild widerspricht. Der Generationenwechsel ist hier keine Revolte gegen die Eltern, sondern die Zuspitzung eines Weges, den die vorherige Generation begonnen hat. Die Großen Gewächse aus Morstein, Kirchspiel, Brunnenhäuschen und Aulerde haben Westhofen auf die Karte gesetzt. Dass ein Ort im südlichen Rheinhessen heute in einem Atemzug mit den großen Riesling-Lagen genannt wird, ist auch das Ergebnis dieser Kontinuität.

Eva Fricke: Zugang ohne Erbe

Eva Fricke stammt aus Bremen und aus keiner Winzerfamilie. Ihren ersten eigenen Jahrgang füllte sie 2006, noch während sie beim Rheingauer Weingut Leitz arbeitete; seit 2011 ist sie selbstständig, im selben Jahr begann die ökologische Bewirtschaftung. Heute bewirtschaftet sie rund 17 Hektar, der Schwerpunkt liegt in Lorch, dem nördlichsten Teil des Rheingaus mit seinen Schieferböden, dazu kommen Flächen rund um Eltville und Kiedrich.

Ihr Weg zeigt eine zweite Form des Generationenwechsels: Der Zugang erfolgt nicht über ein Erbe, sondern über Pacht und Kauf in Lagen, die lange im Schatten standen. Lorch war für viele Rheingauer zu abgelegen und zu steil. Für eine Quereinsteigerin war genau das die Chance, weil dort Flächen zu haben waren.

Clemens Busch: Bio, lange bevor es Trend war

An der Mosel steht Clemens Busch in Pünderich für die Pioniergeneration. Er stellte schon Mitte der 1980er Jahre auf ökologischen Anbau um, zu einer Zeit, als das in steilen Schieferlagen als wirtschaftlicher Leichtsinn galt, und war 1986 an der Gründung eines der frühen Verbände ökologisch arbeitender Winzer beteiligt. Seit 2005 arbeitet der Betrieb biodynamisch, zertifiziert über Respekt-BIODYN.

Bekannt ist Busch vor allem für die Pündericher Marienburg. Statt sie als einen Weinberg zu behandeln, füllt er Parzellen wie Fahrlay, Falkenlay und Rothenpfad getrennt ab und unterscheidet in seinen Weinen auch nach blauem und rotem Schiefer. Das ist dasselbe Herkunftsdenken, das in Burgund seit Jahrhunderten Standard ist. Busch hat es an die Mosel gebracht, lange bevor die neue Herkunftspyramide im Weinrecht es zur Regel machte.

Warum ausgerechnet die Spitze ökologisch arbeitet

Dass Bio im VDP fast dreimal so verbreitet ist wie im Durchschnitt, hat einen nüchternen Grund: Es muss sich rechnen. Ökologischer Anbau kostet Ertrag und Arbeit. Im 18-jährigen Feldversuch der Hochschule Geisenheim lagen die Erträge ökologisch und biodynamisch bewirtschafteter Riesling-Parzellen im Mittel 14 bis 17 Prozent unter dem konventionell-integrierten Anbau, in den ersten Jahren nach der Umstellung deutlich mehr. Wer seine Flaschen für 25 Euro und mehr verkauft, kann das auffangen. Wer Fasswein an Kellereien liefert, kann es meist nicht.

Dazu kommt das Selbstverständnis. Für Betriebe, die ihre Weine als Ausdruck einer Herkunft verkaufen, ist ein Weinberg mit lebendigem Boden, Begrünung und ohne Herbizide Teil der Erzählung und zugleich Teil der Arbeit. Ob die Bewirtschaftung den Wein besser macht oder vor allem die Aufmerksamkeit für den Weinberg erhöht, ist eine offene Frage; mehr dazu in unserem Artikel über biodynamischen Weinbau und was die Forschung dazu sagt.

Was Bio nicht löst

Ökologischer Weinbau ist kein Selbstläufer. In nassen Jahren mit hohem Druck durch den Falschen Mehltau stoßen Betriebe, die vor allem auf Kupfer und Schwefel setzen, an Grenzen, und Kupfer reichert sich als Schwermetall im Boden an. Präzisere Prognosemodelle helfen, den Einsatz zu begrenzen (siehe KI im Weinberg). Pilzwiderstandsfähige Rebsorten wären eine weitere Antwort, haben im Spitzensegment aber noch einen schweren Stand.

Auch im Keller garantiert die neue Haltung allein nichts. Ein Wein ohne Schönung, Filtration und mit wenig Schwefel kann großartig sein oder fehlerhaft; die Unterschiede erklärt unser Beitrag zu Naturwein.

Nerdwein-Wertung

Der Generationenwechsel hat den deutschen Spitzenweinbau tatsächlich verändert: ökologischer, trockener, stärker an Herkunft orientiert. Aber er hat vor allem die Betriebe verändert, die sich höhere Preise leisten können. In der Breite des Marktes, bei Fasswein, Genossenschaften und günstigen Literflaschen, ist davon wenig angekommen.

Die Spitze kann der Breite zeigen, dass sich Sorgfalt im Weinberg lohnt. Damit sie das auch wirtschaftlich tut, braucht es mehr als Vorbilder: Fasswein-Preise, die ökologische Arbeit bezahlen, robuste Rebsorten und Käufer, die bereit sind, für Herkunft zu zahlen.

Quellen

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