artikel 05 england weinbau

Weinbau in England: Was der Klimawandel erklärt, und was nicht

Zwei Zahlen erzählen mehr über englischen Wein als jede Medaille. 2023 brachten die Weinberge in England und Wales die größte Ernte ihrer Geschichte ein, laut dem Branchenverband WineGB genug für rund 21,6 Millionen Flaschen. Ein Jahr später schätzte derselbe Verband die Ernte auf sechs bis sieben Millionen Flaschen. Ein Minus von etwa 70 Prozent.

Die übliche Geschichte lautet: Der Klimawandel macht Südengland zur neuen Champagne. Das stimmt zur Hälfte. Die Erwärmung hat das Fenster geöffnet. Durch dieses Fenster kommt aber das ganze Wetterrisiko eines Grenzstandorts, und finanziert wird das Projekt mit sehr viel Kapital, auch aus der Champagne selbst. Wer englischen Schaumwein verstehen will, muss alle drei Teile zusammen sehen: Klima, Boden und Geld.

Ein Grenzstandort rückt ins Fenster

Weinbau in England ist nicht neu. Es gab Reben in römischer Zeit und Klosterweinberge im Mittelalter, danach verschwand der Weinbau weitgehend. Die moderne Geschichte beginnt 1952 mit Hambledon in Hampshire, über Jahrzehnte blieb sie eine Liebhaberei mit oft dünnen, sauren Weinen aus deutschen Neuzüchtungen wie Müller-Thurgau und Reichensteiner oder der französischen Hybridsorte Seyval Blanc.

Was sich geändert hat, lässt sich mit einer einfachen Kennzahl fassen: der durchschnittlichen Temperatur der Vegetationsperiode von April bis Oktober (Growing Season Temperature, GST). Der Klimatologe Gregory Jones ordnet Weinregionen danach ein; zwischen 13 und 15 Grad Celsius liegt der Bereich kühler Klimate, in dem frühreifende Sorten wie Pinot Noir und Chardonnay gerade so ausreifen.

Eine Studie um Alistair Nesbitt, 2022 in der Fachzeitschrift OENO One erschienen, hat dafür hochaufgelöste Klimamodelle für Großbritannien ausgewertet. Für 1999 bis 2018 lag die GST in England und Wales je nach Ort zwischen 13,0 und 15,7 Grad. Für 2021 bis 2040 projiziert die Studie eine Spanne von 13,0 bis 17,0 Grad, in größeren Gebieten bis zu 1,4 Grad mehr als bisher. Damit würden mehr Flächen für stillen Pinot Noir geeignet, dazu Sorten wie Sauvignon Blanc oder Riesling. Wichtig ist der Rahmen: Die Projektion beruht auf dem Hochemissionsszenario RCP8.5, ist also eher die obere Kante als die Mitte.

Das Entscheidende verbirgt sich aber im Wort Durchschnitt. Englands Problem ist weniger die mittlere Wärme als die Streuung: Spätfrost nach dem Austrieb, Regen in der Blüte, nasse Septemberwochen. Ein Jahr wie 2024 zeigt das. Laut WineGB meldeten rund 70 Prozent der Betriebe Verluste durch Krankheiten wie Mehltau und Botrytis, knapp die Hälfte zusätzlich Schäden durch Vögel. Ein Klimamittel macht noch keine verlässliche Ernte.

Die Zahlen: schnelles Wachstum mit starken Ausschlägen

Der WineGB-Branchenbericht 2025 zählt 1.104 Weinberge und 238 Weingüter auf 4.841 Hektar. Das ist ein Plus von 510 Prozent gegenüber 2005. Kent liegt bei den Pflanzungen vorn, gefolgt von West Sussex, neu auf Platz drei ist Essex. Chardonnay und Pinot Noir dominieren, insgesamt werden 99 Rebsorten angebaut. Rund zwei Drittel der Produktion sind Schaumwein.

Zur Einordnung: 4.841 Hektar sind rund anderthalbmal so viel wie der Rheingau und etwa ein Siebtel der Champagne. England ist ein kleines, sehr schnell wachsendes Weinland, dessen Erntemengen von Jahr zu Jahr deutlich stärker schwanken als in etablierten Regionen.

Kreide ist die halbe Geschichte

Kein Text über englischen Schaumwein kommt ohne Kreide aus. Die Kreideformationen der South Downs und North Downs gehören zum selben geologischen Becken wie die Böden der Champagne. Kreide speichert Wasser und gibt es in trockenen Phasen langsam ab, gleichzeitig ist sie gut durchlässig. Für säurebetonte Grundweine ist das ein idealer Untergrund.

Nur wachsen eben nicht alle bekannten englischen Weine auf Kreide. Gusbourne, eines der meistprämierten Häuser, hat seine Weinberge in Kent bei Appledore auf Wealden-Ton und Tunbridge-Wells-Sand, nur die Flächen in West Sussex liegen auf Kreide. Das Haus beschreibt den Unterschied selbst: Kreide bringe eher linear gebaute, straffe Weine, Ton rundere und großzügigere. Die Gleichung „englisch gleich Kreide gleich Champagne“ ist also Marketing-Kurzschrift. Englands Weinbau ist geologisch vielfältiger, als die Etiketten nahelegen, und das ist eher eine Stärke als ein Makel. Was Boden und Lage überhaupt im Wein ausrichten können, behandelt unser Artikel zu Terroir.

Die Champagne kauft sich ein

Wie ernst die Lage genommen wird, zeigen die Investitionen von der anderen Seite des Ärmelkanals. Pommery kündigte 2014 an, englischen Schaumwein zu erzeugen, zunächst in Partnerschaft mit Hattingley Valley in Hampshire. 2017 pflanzte das Haus auf dem Pinglestone Estate eigene Reben, rund 40 Hektar am Rand des South-Downs-Nationalparks. Taittinger kaufte über das Gemeinschaftsunternehmen Domaine Evremond Land bei Chilham in Kent, pflanzte ab 2017 und brachte 2025 den ersten Wein auf den Markt, etwa 100.000 Flaschen. Die Suchkriterien für das Grundstück waren nach Angaben der Beteiligten Kreideboden, unter 100 Meter Höhe und Süd- bis Südwestausrichtung.

Man kann das als Ritterschlag lesen. Man kann es auch als Absicherung lesen. In der Champagne selbst begann die Lese 2003, 2018, 2020 und 2025 bereits im August, für 2026 war mit dem 15. August der früheste Lesebeginn ihrer Geschichte angesetzt. Ein Haus, das in fünfzig Jahren noch frischen, säurebetonten Schaumwein verkaufen will, tut gut daran, auch dort Reben zu besitzen, wo es heute noch knapp kühl genug ist.

Pioniere und Kapital: Nyetimber und Chapel Down

Der moderne Qualitätsschub beginnt 1988 in West Sussex. Stuart und Sandy Moss, ein amerikanisches Paar, das das Anwesen Nyetimber 1986 gekauft hatte, pflanzten dort als Erste in England ausschließlich Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier für Schaumwein. Ihr erster Jahrgang, ein Blanc de Blancs 1992, kam 1996 auf den Markt und gewann bei der International Wine and Spirit Competition Gold und die Trophäe für den besten englischen Wein. Ab da war die Frage nicht mehr, ob England Schaumwein auf hohem Niveau kann, sondern in welchem Umfang.

Chapel Down aus Tenterden in Kent steht für die Kehrseite. Das Unternehmen, rund zwanzig Jahre an einem kleinen Nebenmarkt gehandelt und seit Dezember 2023 am Londoner Wachstumssegment AIM notiert, ließ 2024 mit der Investmentbank Rothschild & Co prüfen, ob ein Verkauf der Firma sinnvoll sei. Im Herbst 2024 wurde der Prozess ohne Transaktion beendet, im selben Atemzug warnte Chapel Down vor einer schwachen Ernte. Selbst die bekannteste Marke des Landes ist also vor allem ein Kapitalprojekt: Weinberge brauchen Jahre bis zum ersten Ertrag, Schaumwein noch einmal Jahre bis zum Verkauf, und eine schlechte Ernte reißt ein Loch, das erst Jahre später im Regal sichtbar wird.

Auf der Suche nach einer eigenen Identität

Mit der Herkunftsbezeichnung „Sussex“ bekam England 2022 seine erste geschützte Ursprungsbezeichnung für Wein nach dem Brexit. Schaumwein unter diesem Namen muss in traditioneller Flaschengärung entstehen, weiß oder rosé. Das ist ein Schritt weg vom Vergleich mit der Champagne und hin zu einer eigenen Herkunft. Wie „Sussex“ im Unterschied zu „Kent“ schmecken soll, ist aber noch nicht ausbuchstabiert. Herkunftssysteme brauchen Jahrzehnte, bis sie für Weintrinker etwas bedeuten.

Was das für deutsche Weintrinker heißt

Englischer Schaumwein ist selten ein Schnäppchen. Kleine Mengen, junge Betriebe und hohe Kapitalkosten landen im Preis, die bekannten Marken sind häufig auf Champagner-Niveau bepreist. Wer neugierig ist, sollte ihn deshalb nicht nur mit Champagner vergleichen, sondern mit deutschem Winzersekt aus traditioneller Flaschengärung. Auch der entsteht in kühlem Klima aus Pinot Noir, Chardonnay oder Riesling, und bei vergleichbarem Preis ist er oft die interessantere Flasche.

Nerdwein-Wertung

England ist ein echter Gewinner des Klimawandels, aber kein bequemer. Die Erwärmung hat aus einer Kuriosität eine ernstzunehmende Schaumweinregion gemacht. Die Ernten bleiben dabei so volatil, wie man es von einem Grenzstandort erwarten muss, und das Geschäftsmodell trägt sich nur mit viel Kapital und Geduld.

Die Erzählung von der „neuen Champagne“ verdeckt das Interessanteste: England entwickelt gerade eine eigene Weinkultur mit eigenen Böden, eigenen Herkunftsnamen und eigenen Risiken. Daran sollte man es messen, nicht an Reims.

Quellen

7619199dcf2c45dabecf8f7ff766208e

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert