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Das Jura: Frankreichs eigenartigstes Weingebiet und warum man es lieben muss

Irgendwann kommt der Moment, in dem ein Weinkenner das erste Mal einen Vin Jaune trinkt. Es ist kein angenehmer Moment. Der Wein riecht nach Walnüssen, nach gereiftem Käse, nach Curry und getrockneten Aprikosen. Die Farbe ist tief golden, fast bräunlich. Es gibt keine Frucht im üblichen Sinne. Es gibt auch keine Vergleichsmöglichkeit. Und dann, nach einer Pause, kommt die Erkenntnis: Das ist das Komplizierteste und Vollständigste, was ich je getrunken habe.

Das Jura zwischen Burgund und Schweiz

Das Jura liegt östlich von Burgund, zwischen Besançon und der Schweizer Grenze. Es ist eine kleine Region mit gerade einmal 2000 Hektar Reben, aber ihre Vielfalt übertrifft Regionen mit zwanzigfacher Größe. Fünf Rebsorten prägen das Bild: Savagnin und Chardonnay für Weiß, Poulsard (oder Ploussard), Trousseau und Pinot Noir für Rot. Dazu kommt eine Besonderheit, die nirgendwo sonst existiert: die Technik des voile de levures.

Der Boden ist Lias-Kalkstein und blaugrauer Mergel, reich an Tonmineralien, stellenweise mit Gipsvorkommen. Das Klima ist ausgeprägt kontinental, mit kalten Wintern und warmen Sommern, und durch die Nähe zum Juragebirge oft niederschlagsreicher als in Burgund. Diese Kombination erzeugt Weine, die eine ungewöhnliche Spannung zwischen Reife und Frische tragen.

Savagnin und das Geheimnis des Voile

Savagnin ist die eigentümlichste Rebsorte des Jura. Genetisch ist er identisch mit dem Traminer, der im Jura über Jahrhunderte aber einen ganz eigenen, säurebetonten Charakter entwickelt hat. In der Manier des Jura wird Savagnin häufig im sogenannten Ouillé-Stil ausgebaut: Fässer werden regelmäßig aufgefüllt, um Oxidation zu verhindern. Das ergibt frische, lebendige Weißweine, die heute international an Popularität gewinnen.

Der traditionelle Weg ist der Sous Voile-Ausbau: Fässer werden bewusst nicht aufgefüllt. An der Oberfläche des Weins bildet sich ein weißlicher Hefeschleier (voile de levures), der den Wein vor weiterer Oxidation schützt, während er gleichzeitig Sauerstoff langsam dosiert. Dieser Prozess dauert beim Vin Jaune mindestens sechs Jahre und drei Monate, vorgeschrieben durch Gesetz. Das Ergebnis ist ein Wein von außergewöhnlicher Komplexität: Nüsse, Curry (Sotolon, ein Aromamolekül, das auch in gereiftem Fenugreek vorkommt), Bienenwachs, Brioche.

Vin Jaune: Erklärt

Vin Jaune ist kein Wein, dem Alkohol oder Zucker zugesetzt wird, sondern ein trockener Weißwein, der durch eine bestimmte Reifungsmethode seinen Charakter erhält. Vin Jaune ist keine eigene Appellation, sondern ein Weintyp: Er darf unter den Appellationen Arbois, Côtes du Jura, L’Étoile und Château-Chalon erzeugt werden, wobei Château-Chalon ausschließlich Vin Jaune hervorbringt. Abgefüllt wird er in der sogenannten Clavelin-Flasche mit 62 Zentilitern. Die Zahl hat einen Grund: So viel bleibt der Überlieferung nach von einem Liter Wein übrig, nachdem ein Teil während der langen Fassreifung verdunstet ist.

Château-Chalon ist der Gipfel der Appellation: ein Dorf auf einem Felssporn, dessen Reben auf grauen und blauen Mergeln stehen. Eine Kommission begeht die Weinberge vor jeder Lese und kann den Jahrgang ablehnen. In schwachen Jahren wie 1974, 1980, 1984 und 2001 wurde kein Château-Chalon abgefüllt. Das ist Qualitätskontrolle ernstgenommen.

Pierre Overnoy: Der Heilige der Naturweinbewegung

Pierre Overnoy aus Pupillin ist die ikonische Figur des Jura und der gesamten Naturweinbewegung. Ab dem Jahrgang 1984 verzichtete er auf zugesetzten Schwefel, zu einer Zeit, als das als Verrücktheit galt. Seine Poulsard-Weine, aus der lokalen Sorte vinifiziert, sind von einer unglaublichen Leichtigkeit und Tiefe gleichzeitig. Sein Savagnin und sein Chardonnay beweisen, dass Wein ohne SO₂ nicht instabil sein muss, wenn er mit extremer Sorgfalt und gesundem Traubenmaterial gemacht wird.

Overnoy, selbst ohne Nachkommen, hat seinen Betrieb 2001 an Emmanuel Houillon übergeben, der seit seiner Jugend bei ihm arbeitete und für ihn wie ein Ziehsohn ist. Houillon führt die Philosophie unverändert weiter. Die Warteliste für ihre Weine ist legendär; die Preise auf dem Sekundärmarkt sind exorbitant. Wer eine Overnoy-Flasche auf einem Weinfest öffnet, hat sofort eine Gruppe von Schaulustigen.

Jean-François Ganevat und die neue Generation

Jean-François Ganevat repräsentiert eine jüngere Generation, die das Jura mit noch mehr Energie und Ideen belebt. Sein Betrieb in Rotalier produziert ein schwindelerregendes Sortiment von Einzellagenweinen aus Chardonnay, Savagnin, Poulsard und Trousseau, dazu einige Cuvées, in einem Tempo und einer Qualitätskonsistenz, die beeindruckt. Ganevat ist biodynamisch, kompromisslos in der Qualitätsphilosophie und gleichzeitig zugänglicher in der Kommunikation als viele seiner Zeitgenossen.

Warum man das Jura lieben muss

Weil es nicht gefällt, sondern überzeugt. Weil seine Weine nicht in der ersten Minute schmeicheln, sondern über Stunden, manchmal Tage, aufgehen. Weil hier Rebsorten und Methoden gepflegt werden, die anderswo längst verschwunden wären. Und weil das Jura beweist, dass Eigenartigkeit keine Schwäche ist, sondern die stärkste Form von Identität.

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