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97 Punkte: Was Weinbewertungen messen, und was nicht

Eine Zahl wie 97 klingt nach Labor. Nach Waage, Messbecher, Prüfprotokoll. Genau das ist ihr Trick. Hinter jeder Punktzahl steht ein Mensch, der an einem bestimmten Tag, in einer bestimmten Reihenfolge und mit bestimmten Vorlieben ein Glas Wein beurteilt hat.

Die These dieses Textes: Punkte sind nützlich, aber nicht als Messwert, sondern als Kurzform einer Meinung. Ihr Wert hängt fast vollständig davon ab, ob man den Verkoster kennt. Und die Forschung zeigt, dass Punkte Preise stärker bewegen, als ihre Präzision es rechtfertigt.

Eine Skala, die eigentlich bei 50 beginnt

Die 100-Punkte-Skala ist untrennbar mit Robert M. Parker Jr. verbunden. Der Jurist aus Maryland gründete 1978 einen Newsletter, aus dem The Wine Advocate wurde, finanziert über Abonnements und ohne Anzeigen. Die Skala orientierte sich an amerikanischen Schulnoten: Jeder Wein startet bei 50 Punkten, praktisch relevant wird es ab etwa 80. Andere Publikationen wie der Wine Spectator übernahmen das System in den 1980er Jahren, und spätestens seit Parkers frühem Lob für den Bordeaux-Jahrgang 1982 galt sein Urteil als marktbewegend.

Der Erfolg der Skala hat einfache Gründe. Eine Zahl lässt sich sortieren, vergleichen, auf ein Regalschild drucken. Sie erspart dem Käufer das Lesen einer Verkostungsnotiz. Genau darin liegt ihr Problem: Sie suggeriert eine Genauigkeit, die es beim Verkosten nicht gibt.

Punkte bewegen Preise, und das ist messbar

Wie stark eine einzelne Stimme den Markt beeinflussen kann, haben Ökonomen an einem glücklichen Zufall untersucht. Normalerweise veröffentlichte Parker seine Bewertungen der jungen Bordeaux-Weine im Frühjahr, bevor die Châteaux ihre Subskriptionspreise festlegten. Beim Jahrgang 2003 war es umgekehrt: Die Punkte kamen erst im Herbst, als die Preise schon standen. Héla Hadj Ali, Sébastien Lecocq und Michael Visser nutzten dieses natürliche Experiment und schätzten den durchschnittlichen „Parker-Effekt“ auf die Subskriptionspreise auf rund 2,80 Euro pro Flasche (Economic Journal, 2008).

Eine zweite Untersuchung der Universität Basel kommt aus dem Einzelhandel. Peter und Claudio Kugler werteten Schweizer Ladenpreise für 121 Bordeaux-Weine der Jahrgänge 1995 bis 2000 aus. In Pauillac und Pomerol ging jeder zusätzliche Parker-Punkt mit einem um etwa sechs bis sieben Prozent höheren Preis einher. Die Bewertungen des Wine Spectator erklärten zusätzlich zu Parker praktisch nichts.

Im oberen Bordeaux-Segment war das Urteil eines einzelnen Kritikers also ein eigener Preisfaktor. Das allein wäre kein Problem, wenn die Zahl so genau wäre, wie sie aussieht.

Wie verlässlich ist eine einzelne Punktzahl?

Robert Hodgson, Winzer und emeritierter Professor, durfte von 2005 bis 2008 die Jury der California State Fair untersuchen, eines großen US-Weinwettbewerbs. Jedes Jahr wurden 65 bis 70 Juroren getestet. In ihre Flights mit je rund 30 Weinen schmuggelte er drei Gläser aus derselben Flasche. Nur etwa zehn Prozent der Juroren bewerteten diese drei identischen Proben innerhalb derselben Medaillenstufe. Weitere zehn Prozent gaben demselben Wein mal Bronze, mal Gold (Journal of Wine Economics, 2008). In Berichten über die Studie ist von einer typischen Streuung um etwa vier Punkte nach oben und unten die Rede.

Noch bekannter ist ein Versuch von Frédéric Brochet an der Universität Bordeaux aus dem Jahr 2001. Er füllte denselben mittelmäßigen Bordeaux in zwei Flaschen, eine mit Grand-Cru-Etikett, eine mit Tafelwein-Etikett. Die Teilnehmer beschrieben den „Grand Cru“ deutlich positiver als den „Tafelwein“. In einem zweiten Test färbte er Weißwein rot ein, und die Verkoster griffen zum Vokabular für Rotwein. Der Versuch ist nicht in einer begutachteten Fachzeitschrift erschienen, und bei den Teilnehmern soll es sich um Studierende der Önologie gehandelt haben. Als Illustration dafür, wie stark Erwartung die Wahrnehmung prägt, ist er trotzdem lehrreich.

Ganz beliebig sind Kritikerurteile aber nicht. Eine Studie von Eric Stuen, Jon Miller und Robert Stone verglich die Bewertungen von 853 Weinen durch große US-Publikationen und fand eine recht hohe Übereinstimmung zwischen den meisten Paaren (Journal of Wine Economics, 2015). Ob eine Publikation blind verkostet oder nicht, spielte dabei keine erkennbare Rolle.

Zusammengenommen ergibt das ein klares Bild: Kritiker sind sich in der groben Richtung meist einig. Ob ein Wein 92 oder 94 Punkte verdient, liegt dagegen im Rauschen.

Nach Parker: viele Stimmen, verschiedene Währungen

Parker verkaufte im Dezember 2012 einen wesentlichen Anteil am Wine Advocate an Investoren aus Singapur. Michelin stieg 2017 mit 40 Prozent ein und übernahm die Publikation 2019 vollständig; im selben Jahr zog sich Parker endgültig zurück. Antonio Galloni, zuvor beim Wine Advocate unter anderem für Italien und Burgund zuständig, verließ den Wine Advocate 2013 und gründete die Plattform Vinous. Jancis Robinson bewertet auf einer 20-Punkte-Skala, Allen Meadows hat sich mit „Burghound“ auf Burgund spezialisiert. Im deutschsprachigen Raum arbeiten die meisten Weinführer und Magazine inzwischen ebenfalls mit 100 Punkten.

Für Weintrinker heißt das: Punkte verschiedener Kritiker sind verschiedene Währungen. 95 Punkte bei einem Kritiker, der kraftvolle, reife Weine liebt, bedeuten etwas anderes als 95 Punkte bei jemandem, der Säure und Zurückhaltung belohnt. Der Wechselkurs steht nirgends auf dem Etikett.

Wie man Punkte sinnvoll liest

  • Den Verkoster kennen: Eine Punktzahl hilft nur, wenn man weiß, wessen Geschmack dahintersteht und ob man ihn teilt.
  • Kleine Abstände ignorieren: Unterschiede von ein bis drei Punkten sagen wenig. Bandbreiten wie „91–93“ bei Fassproben sind ehrlicher als eine einzelne Zahl.
  • Den Text lesen: Die Verkostungsnotiz verrät, ob ein Wein in die eigene Richtung geht. Die Zahl verrät nur, wie sehr er dem Verkoster gefiel.
  • Zeitpunkt beachten: Eine Bewertung aus dem Fass oder kurz nach der Füllung ist eine Prognose, keine Beschreibung des Weins in zehn Jahren.
  • Auf die Auswahl achten: Händler zitieren in der Regel die höchste verfügbare Punktzahl. Das ist legitim, aber selektiv.

Auch auf Nerdwein stehen Punkte, etwa in unseren Verkostungsnotizen zu gereiften Weinen. Sie sind genau das, was dieser Text beschreibt: die persönliche Einordnung eines Verkosters, kein Messwert. Wie man sich jenseits von Punkten orientiert, haben wir in Herkunft, Lage, Marke durchdekliniert.

Nerdwein-Wertung

Die 100-Punkte-Skala hat den Weinmarkt transparenter gemacht und zugleich eine falsche Präzision eingeführt. Als grober Filter funktioniert sie: Ein Wein mit 95 Punkten von einem seriösen Kritiker ist selten schlecht. Als Feinwaage taugt sie nicht, denn schon dieselben Verkoster liegen bei demselben Wein mehrere Punkte auseinander.

Wer Punkte nutzt, sollte sich zwei, drei Kritiker suchen, deren Geschmack er kennt, ihre Texte lesen und Abstände unter drei Punkten ignorieren. Die verlässlichste Bewertung bleibt die eigene, systematisch geführt: notieren, vergleichen, wiederholen.

Quellen

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