Rheingau
| | | |

Trinken á la Carte im Rheingau: ein Abend in der Adler Wirtschaft in Hattenheim

Es gibt Restaurants, bei denen man nach dem Essen denkt: gut gegessen, gute Flasche, ordentlicher Abend. Und es gibt Restaurants, bei denen man am nächsten Tag noch einmal die Fotos anschaut, die Weinkarte im Kopf durchgeht und sich fragt, warum es eigentlich so wenige Orte gibt, die genau so funktionieren. Die Adler Wirtschaft in Hattenheim gehört für mich klar in die zweite Kategorie.

Wir waren auf einer Reise an den Rhein unterwegs, mit den üblichen Erwartungen, die man in dieser Gegend eben hat: Riesling, Fachwerk, Rheinblick, schöne Orte, manchmal etwas viel touristische Folklore, manchmal erstaunlich ernsthafte Gastronomie. Der Abstecher nach Hattenheim war dann einer dieser kleinen Umwege, die am Ende der eigentliche Grund werden, warum man sich an eine Reise erinnert. Schon der Name „Die Adler Wirtschaft“ trifft den Ton ziemlich gut. Kein Tempel, kein Fine-Dining-Theater, kein Restaurant, in dem man ehrfürchtig vor der Pinzette sitzt. Es ist eine Wirtschaft. Aber eben eine Wirtschaft, in der jemand sehr genau weiß, was gute Produkte, gute Herkunft, gutes Handwerk und eine vernünftige Weinkarte bedeuten. Aber nicht Oldschool, und absolut kein Standardmenu: Stattdessen bestellten wir „Das Große Adleressen“: Für 99 Euro bekommt man ein großes, tischweise serviertes Essen: viele kleine Vorspeisen in mehreren Gängen, danach ein kleineres Hauptgericht oder ein Steak, anschließend Dessert oder Käse. Das klingt auf dem Papier schon ordentlich. Am Tisch wirkt es noch besser, weil diese vielen kleinen Gerichte nicht als Show daherkommen, sondern als sehr handwerkliche, sehr deutsche, sehr produktbezogene Küche. Man bekommt nicht „Fusion“. Man bekommt auch keine bemühte Neuinterpretation von Heimatküche. Man bekommt viele kleine Teller, Platten und Schalen, bei denen man merkt: Hier geht es um Geschmack, nicht um Effekte. Genau das ist die Stärke. Die Adler Wirtschaft macht keine Küche, die sich größer macht, als sie ist. Sie macht aus scheinbar einfachen Dingen etwas sehr Gutes.

Schon zum Aperitif konnte man unter anderem von der Abendkarte zwei gereifte Weine bestellen, einen trockenen einen „fruchtigen“, die glasweise ausgeschenkt wurden. Ich entschied mich für eine 1993er Scheurebe Auslese von Balthasar Ress – natürlich nicht mehr ganz frisch, aber ein unglaublich guter Begleiter zum „Gruß aus der Küche“ einem Leberwurstbrot (!).

Der Held des Abends in der Adler Wirtschaft: die Weinkarte

Überhaupt: das Essen ist wirklich gut, der Service unverkrampft und kompetent. Aber der eigentliche Held des Abends ist die Weinkarte. Schwerpunkt natürlich Rheingau (aber nicht ausschließlich), und klar gibt es da die großen Namen. Aber spannend ist vor allem, dass man dort jede Menge gereifte einfache Qualitäten findet.

Auf Empfehlung orderten wir mit eine Flasche 2014er VDP-Gutswein-Riesling Lösslehm trocken vom Weingut Achim Ritter & Edlinger von Öttingen – für sagenhafte €29,00 – der Standardpreis auf der Karte für gereifte Flaschen. Ein absoluter Genuss, klar gereifte Rieslingfrucht, aber dabei absolut frisch und spritzig, zum Restaurant-Preis als unschlagbares Preis-Genuss-Verhältnis. Und wieder bestätigt sich die Erkenntnis, dass Riesling auch in vermeintlich einfachen Qualitäten hervorragend altern kann.

Zum zweiten Flight unserer „13 Vorspeisen in vier Gängen“ blieben wir beim selben Weingut, diesmal allerdings die erste Lage Erbacher Steinmorgen aus dem Jahr 2013. Auch diese Flasche auf dem Punkt, aber natürlich deutlich wuchtiger als der Gutswein, und damit der perfekte Begleiter für die dargebotene Leberpastete und die anderen geschmacklich fordernden Bestandteile dieses Ganges.

Zum Steak – mit Sauce Béarnaise – gab es dann noch einen offen ausgeschenkten Spätburgunder vom Assmannshäuser Höllenberg des Weinguts Schloss Reinhartshausen aus dem Jahr 2014. Der, mit zwar deutlichen Reifenoten, ebenfalls perfekt mit dem Hauptgang korrespondierte.

Region ergründen, statt Etiketten-Trinken

Wenn man nach dem Essen satt und höchst befriedigt noch versonnen den letzten Schluck aus dem Glas nimmt, realisiert man, dass Wein hier kein Nebenthema ist. Die Flasche steht auf dem Tisch, man schenkt nach, man trinkt, man isst, man redet. Kein überinszenierter Weinritus, kein belehrender Sommeliersprech, sondern eine Karte, aus der man richtig gut trinken kann.

Für Weinliebhaber, die im Restaurant nicht nach Etiketten trinken, sondern eine Region ergründen wollen, ist die Adler Wirtschaft in Hattenheim eine absolute Pflichtstation am Rhein.

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert