Blaufränkisch: Die rote Herkunftssorte Mitteleuropas
Wer schmecken will, wie Herkunft schmeckt, greift meist zu Pinot Noir aus Burgund. Die günstigere und oft spannendere Abkürzung führt ins Burgenland. Blaufränkisch reagiert so deutlich auf Boden und Lage wie wenige andere rote Sorten, und er bleibt dabei bezahlbar.
Die These dieses Textes: Blaufränkisch ist die rote Herkunftssorte Mitteleuropas. Österreich hat das erkannt und mit seinen DAC-Gebieten ein passendes Herkunftssystem aufgebaut. In Deutschland heißt dieselbe Rebe Lemberger und kämpft mit einem Image, das ihr nicht gerecht wird.
Eine Sorte, viele Namen
Die Verwirrung beginnt beim Namen. In Österreich heißt die Sorte Blaufränkisch und ist mit rund 2.600 Hektar nach dem Zweigelt die zweitwichtigste rote Rebe des Landes. In Ungarn heißt sie Kékfrankos und ist mit knapp 8.000 Hektar die meistgepflanzte rote Sorte; nach Angaben des ungarischen Weinmarketings steht damit etwa die Hälfte der weltweiten Fläche in Ungarn, von Sopron bis Eger. In Deutschland wächst sie als Lemberger, früher auch Blauer Limberger, fast ausschließlich in Württemberg. In Tschechien und der Slowakei heißt sie Frankovka, in Slowenien Modra frankinja.
Woher die Sorte kommt
DNA-Analysen haben die Abstammung geklärt: Blaufränkisch ist eine Kreuzung aus Gouais Blanc, dem auch als Weißer Heunisch bekannten Elternteil vieler europäischer Sorten, und der Blauen Zimmettraube. Historische Rebsortenbeschreibungen verorten die ursprüngliche Heimat in der Untersteiermark, im heutigen Slowenien. Blaufränkisch ist seinerseits Elternteil: 1922 kreuzte Fritz Zweigelt in Klosterneuburg Blaufränkisch mit St. Laurent, daraus entstand der Zweigelt, heute Österreichs häufigste rote Sorte.
Was die Sorte ausmacht
Blaufränkisch reift spät und behält dabei eine hohe Säure. Die Weine werden meist mit dunkler Kirsche, Brombeere und einer pfeffrigen, würzigen Note beschrieben, die Tannine sind fest, aber selten grob. Die Säure macht die besten Weine langlebig und hält sie auch in warmen Jahren frisch, ein Vorteil, der im Klimawandel wichtiger wird.
Entscheidend ist aber, wie stark die Sorte den Untergrund übersetzt. Auf den eisenhaltigen Böden am Eisenberg entstehen andere Weine als auf dem Kalk und Schiefer des Leithagebirges oder auf den schweren Lehmen des Mittelburgenlands. Genau das macht sie zur Herkunftssorte: Der Ort ist im Glas leichter zu erkennen als bei vielen anderen Rotweinen. Warum Boden indirekt wirkt und nicht „nach Stein schmeckt“, erklärt unser Artikel über Terroir.
Burgenland: Herkunft in DAC-Form
Das Burgenland an der Grenze zu Ungarn ist mit rund 11.000 Hektar Rebfläche (Schätzung 2023) das Kernland des österreichischen Blaufränkisch. Österreich ordnet seine Weine seit gut zwanzig Jahren zunehmend nach Herkunft, über sogenannte DAC-Gebiete (Districtus Austriae Controllatus). Für Blaufränkisch sind vier davon zentral:
| DAC-Gebiet | Seit | Charakter |
|---|---|---|
| Mittelburgenland | Jahrgang 2005 | erstes Rotwein-DAC Österreichs, schwere Lehmböden, kraftvolle Weine |
| Leithaberg | Jahrgang 2009 | Kalk und Schiefer am Leithagebirge, Weiß- und Rotwein |
| Eisenberg | 2009/2010 | Südburgenland, eisenhaltige Böden, einer der kleinsten DACs |
| Rosalia | jüngstes DAC des Burgenlands | Hügelland westlich des Neusiedler Sees, Blaufränkisch und Zweigelt |
Innerhalb dieser Gebiete gilt das Prinzip, das Deutschland mit seiner neuen Herkunftspyramide gerade einführt: Gebietswein, Ortswein, Riedenwein, je enger die Herkunft, desto höher der Anspruch. Österreich war hier schneller, und Blaufränkisch ist die Sorte, an der sich das System am überzeugendsten zeigen lässt.
Die Lagenwein-Pioniere
Wenn ein Name für die Neubewertung des Blaufränkisch steht, dann Roland Velich. Er arbeitete zunächst mit seinem Bruder Heinz im Familienweingut in Apetlon am Neusiedler See und gründete 2001 sein eigenes Projekt Moric. Statt auf Kraft und neues Holz setzte er auf alte Reben in Lutzmannsburg und Neckenmarkt im Mittelburgenland und auf Weine, die eher an kühle Nordrhône oder Burgund erinnern als an die üppigen Rotweine, die das Burgenland in den 1990er Jahren bekannt gemacht hatten.
Am Leithaberg steht die Familie Prieler in Schützen am Gebirge für die Kalk- und Schieferseite der Sorte. Ihre bekannteste Lage, der Goldberg, liegt auf Glimmerschiefer; der Betrieb arbeitet ökologisch. Im Südburgenland ist das Weingut Krutzler in Deutsch-Schützen eine Referenz für den Eisenberg, sein Spitzenwein heißt Perwolff. Inzwischen arbeitet dort die fünfte Generation, darunter Clemens Krutzler.
Lemberger: das deutsche Imageproblem
In Württemberg ist Lemberger nach Trollinger und Schwarzriesling die drittwichtigste rote Sorte, mit gut 13 Prozent der Rebfläche. Brackenheim, die größte Rotweingemeinde Deutschlands, nennt sich gern Lemberger-Hauptstadt. Getrunken wird die Sorte dort oft als unkomplizierter Alltagswein oder im Verschnitt mit Trollinger.
Dass es anders geht, zeigen VDP-Betriebe wie Graf Neipperg in Schwaigern, der Lemberger als Großes Gewächs aus den Lagen Schlossberg und Ruthe füllt. Trotzdem wirkt der Name „Lemberger“ außerhalb Württembergs eher bieder als aufregend. Dieselbe Rebe, die im Burgenland als Lagenwein für 40 Euro und mehr verkauft wird, gilt diesseits der Grenze vielen als Viertelesschlotzer. Das ist weniger ein Qualitäts- als ein Kommunikationsproblem.
Warum Blaufränkisch unterschätzt bleibt
Die Gründe sind schnell aufgezählt. Der Name ist für internationale Märkte sperrig, und je nach Land heißt die Sorte anders. Es gibt keinen einheitlichen Stil, den man auf einen Satz bringen könnte: Vom saftigen Einstiegswein bis zum strengen Lagenwein ist alles dabei. Und die Mengen der besten Erzeuger sind klein.
Genau das ist aber auch die Chance. Wer Blaufränkisch verstehen will, muss sich auf Orte einlassen, und wird dafür mit einer Vielfalt belohnt, die man bei Pinot Noir inzwischen sehr teuer bezahlt.
Nerdwein-Wertung
Blaufränkisch ist die beste Antwort Mitteleuropas auf die Frage, wie Rotwein Herkunft zeigen kann, und Österreich hat mit den DAC-Gebieten das passende System dafür gebaut. Die Spitzenweine aus Mittelburgenland, Leithaberg und Eisenberg gehören zu den spannendsten Rotweinen des Kontinents und sind im Vergleich zu Burgund noch fair bepreist.
Deutschland verschenkt dagegen Potenzial: Solange Lemberger vor allem als Alltagsrotwein und Verschnittpartner wahrgenommen wird, hilft auch das beste Große Gewächs wenig. Der Name allein ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass niemand erklärt, was diese Rebe kann.
Quellen
- Wikipedia: Blaufränkisch (Abstammung, Synonyme)
- Wines of Hungary: Kékfrankos
- Burgenland Tourismus: Weinbaugebiete des Burgenlands
- wein.plus: Leithaberg DAC und Eisenberg DAC
- Der Winzer: Weinernte-Schätzung 2023 nach Weinbaugebieten (PDF)
- Stuart Pigott: MORIC Blaufränkisch
- Skurnik: Weingut Prieler
- Schwäbische Heimat: Lemberger in Württemberg (PDF)
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