PIWI: Warum verkauft die Weinbranche ihre Zukunft wie ein Pflanzenschutzmittel?
Man stelle sich eine Speisekarte vor, auf der ein Gericht zuerst mit der Widerstandsfähigkeit seiner Zutaten gegen Pflanzenkrankheiten beworben wird. Agronomisch wäre das interessant. Für die Bestellung fehlt trotzdem die entscheidende Information: Was bekomme ich eigentlich zu essen?
Genau so kommuniziert die Weinbranche einen ihrer wichtigsten Fortschritte. „PIWI“ steht für pilzwiderstandsfähige Rebsorten. Wer den Begriff kennt, versteht den Vorteil. Wer ihn nicht kennt, bekommt ein Akronym und eine Erklärung über Pflanzenschutz. Die Lust auf ein Glas Wein muss irgendwo danach entstehen. Doch die einfache Gegenüberstellung von guter Rebe und schlechtem Marketing greift ebenfalls zu kurz. Forschung aus Geisenheim zeigt, dass sowohl die Erwartung an den Geschmack als auch Informationen über die neuen Sorten Kaufentscheidungen beeinflussen können. Die spannende Frage lautet deshalb: Welche Erklärung hilft wem beim Bestellen?
Im Weinberg ein Erfolg, auf der Fläche noch eine Nische
Die Zahlen zeigen einen klaren Trend. Nach Angaben des Deutschen Weininstituts vom April 2026 legten die neuen PIWI-Sorten 2025 um zehn Prozent auf rund 4.000 Hektar zu, während die gesamte Rebfläche schrumpfte. Das entspricht rund vier Prozent des deutschen Weinbaus. Souvignier Gris erreichte 766 Hektar und ist damit die wichtigste weiße PIWI-Sorte, gefolgt von Cabernet Blanc mit 356 Hektar. Mit einem Plus von 170 Hektar hatte Souvignier Gris zum zweiten Mal in Folge den größten Flächenzuwachs aller Rebsorten.
Der biologische Fortschritt ist konkret. Das Julius-Kühn-Institut beschreibt am Beispiel Calardis Blanc, 2020 in die Sortenliste aufgenommen, was moderne Züchtung leistet: Resistenz gegen Falschen Mehltau, hohe Resistenz gegen Echten Mehltau und Schwarzfäule, dazu eine gute Widerstandskraft gegen Botrytis. Laut JKI ist dadurch „deutlich weniger Pflanzenschutz erforderlich“. Mehrere Resistenzfaktoren werden kombiniert, damit der Pilz die Abwehr nicht so schnell überwindet. Warum das wichtig ist, zeigt die Kupferdebatte im ökologischen Weinbau, die wir im Beitrag über biodynamischen Weinbau beschrieben haben.
Aber: „PIWI“ ist keine einheitliche Resistenzstufe und erst recht kein Geschmacksprofil. Welche Eigenschaften eine Rebe mitbringt, muss für jede Sorte einzeln betrachtet werden. Und weniger Pflanzenschutz heißt nicht null Pflanzenschutz.
Was Verbraucher tatsächlich wissen
Eine umfangreiche Untersuchungsreihe dazu stammt von Gergely Szolnoki und Christoph Kiefer an der Hochschule Geisenheim. In mehreren Studien seit 2020, darunter eine Befragung von 644 Weintrinkern, untersuchten sie, wie PIWIs am Markt ankommen. Die Ergebnisse, 2024 auf dem Luxemburger PIWI-Tag vorgestellt, sind deutlich:
| Rebsorte | Bekanntheit | Qualitätseinschätzung (1–5) |
|---|---|---|
| Riesling | 98 % | 4,16 |
| Grauburgunder | 94 % | 4,02 |
| Cabernet Blanc (PIWI) | 66 % | 3,66 |
| Souvignier Gris (PIWI) | 27 % | 3,57 |
| Calardis Blanc (PIWI) | 13 % | 3,20 |
| Solaris (PIWI) | 20 % | 3,02 |
Die Tabelle zeigt überwiegend höhere Qualitätserwartungen bei bekannteren Sorten. Gemessen wurde hier ein Image, keine Qualität in einer Blindverkostung. Die Daten allein beweisen auch nicht, dass Bekanntheit die Ursache des besseren Urteils ist. Auffällig ist Cabernet Blanc: Die Sorte ist deutlich bekannter als andere PIWIs, vermutlich auch, weil ihr Name nach etwas Vertrautem klingt. Genau das empfehlen die Forscher: Namen, die „nach Rebsorte klingen“. In den Gesprächen mit Weingütern und Handel erscheint ein skeptischer Befund: Pilzwiderstandsfähigkeit werde zwar gelobt, sei aber kein Verkaufsargument. Genannt werden technische Begriffe, unattraktive Sortennamen und auch unzureichende Weinstilistik. Diese Einschätzungen der Branchenvertreter sollte man ernst nehmen, aber nicht mit einem gemessenen Nachweis wirkungsloser Verbraucherinformation verwechseln.
Aufklärung wirkt, die Frage ist nur, wie
Dieselbe Präsentation berichtet von einer kleinen experimentellen Untersuchung, in der ein Briefing über PIWIs die Kaufbereitschaft erhöhte. Ein weiterer Test mit Blindverkostung und anschließender informierter Verkostung zeigte: Die untersuchten PIWI-Weine wurden blind ähnlich gut bewertet wie konventionelle Vergleichsweine. Nach der Information fiel besonders die Preiseinschätzung der PIWIs höher aus. Der berichtete Unterschied im Gesamtgefallen war dagegen schwächer und erreichte nur das dort verwendete Zehn-Prozent-Signifikanzniveau.
Das ist kein Beweis dafür, dass jeder PIWI durch eine Erklärung besser verkauft wird. Es widerspricht aber der pauschalen Behauptung, der Anbauvorteil interessiere beim Kauf nicht. Und es macht den Konflikt produktiver: Ein unbekannter Sortenname kann verunsichern, während verständliche Information genau diese Unsicherheit verringert. Wer nur sagt „Resistenz verkauft nicht“, verschenkt womöglich ein Argument. Wer nur Resistenz erklärt, lässt die Frage nach dem Genuss offen.
Drei Wege, eine neue Rebe verständlich zu machen
Wie unterschiedlich die Übersetzung ausfallen kann, zeigen drei öffentlich zugängliche Beispiele:
| Beispiel | Womit die Kommunikation Orientierung gibt | Offene Frage für Käufer |
|---|---|---|
| Calardis Blanc beim JKI | Sorteneigenschaften und Züchtung | Welcher Erzeuger und Ausbau passt zu meinem Geschmack? |
| Premium-Linie des Weinguts Galler | Produktnamen, Region, Ausbau | Wie unterscheiden sich die Weine im Glas? |
| „Botenstoff“ von Eva Vollmer | Anlass, Stil, einprägsame Produktidee | Hält der Wein das Versprechen? |
Das JKI muss als Forschungseinrichtung belastbar erklären, nicht verkaufen. Das Weingut Galler geht den umgekehrten Weg: Seine Premium-Weine heißen Friedrich, Heinrich und Feodora, dahinter stehen Johanniter, Cabernet Blanc und Sauvignac. Das Weingut betont spontane Gärung im Eichenfass, langes Hefelager und niedrige Erträge. Die neuen Sorten werden so in eine vertraute Weinsprache eingeordnet. Beim „Botenstoff“ von Eva Vollmer führt der Weg über einen feinherben Rotling aus Souvignier Gris und Cabertin, vom Weingut beschrieben mit Erdbeere, Melone und einem Tag am See. Der Käufer soll sich zuerst einen Genussmoment vorstellen, die Resistenz kommt danach.
„Zukunftswein“ hilft, wenn danach etwas Konkretes kommt
„Zukunftswein“ hat gegenüber „pilzwiderstandsfähig“ einen offensichtlichen Vorteil: Der Begriff weckt ein positives Bild und verlangt kein Wissen über Pflanzenkrankheiten. Aber auch er beantwortet nicht die Frage nach dem Geschmack. Zukunft kann frisch und schlank sein, holzgeprägt und kräftig, trocken oder feinherb. Wer nur damit wirbt, verschiebt die Unschärfe von der Biologie ins Marketing.
Für eine Weinkarte bietet sich an: erst der konkrete Wein und sein Stil, dann der Anlass, dann die Erklärung des Anbaus. Bei gezielt ökologisch interessierten Käufern kann der Anbauvorteil dagegen bereits der Einstieg sein. Die Geisenheimer Präsentation unterscheidet ausdrücklich Zielgruppen mit unterschiedlichen Erwartungen an sachliche und emotionale Kommunikation. Vergleiche mit bekannten Sorten können helfen, solange sie als Orientierung erkennbar bleiben. Wer einen neuen Wein nur als Ersatz für einen etablierten beschreibt, nimmt ihm die Chance auf einen eigenen Platz im Kopf des Käufers.
Drei Versprechen, die präziser werden müssen
„Weniger Pflanzenschutz“ ist ein starkes Argument. Überzeugender wird es mit einer Bezugsgröße: Wie viele Behandlungen waren es in dieser Saison, verglichen mit einer klassischen Sorte auf ähnlicher Fläche?
„Nachhaltiger“ braucht ebenfalls eine Erklärung. Ein Vorteil im Weinberg beschreibt nicht automatisch Verpackung, Transport und Betrieb.
„Schmeckt genauso gut“ bleibt eine Behauptung, solange unklar ist, womit verglichen wurde. Eine neue Sorte muss nicht wie Riesling schmecken, um interessant zu sein.
Der schlechte PIWI darf ein schlechter Wein sein
Bei etablierten Sorten akzeptieren wir selbstverständlich Unterschiede zwischen Erzeugern und Jahrgängen. Ein enttäuschender Riesling widerlegt nicht den Riesling. Dieselbe Fairness brauchen neue Sorten, aber auch dieselbe Strenge: Ein schwacher Wein verdient keine bessere Bewertung, weil seine Rebe weniger Spritzmittel braucht. Wenn PIWI zur geschmacklichen Schonzone wird, schadet das gerade den guten Erzeugern.
Nerdwein-Wertung
PIWIs sind eine der wichtigsten Antworten des Weinbaus auf Klimawandel und Pflanzenschutzdruck, und ihre Fläche wächst gegen den Trend. Die Geisenheimer Untersuchungen zeigen Hürden bei Bekanntheit, Erwartungen und Kommunikation, nennen aber auch Probleme der Weinstilistik. Zugleich können Informationen über PIWIs die Kaufbereitschaft und Wertschätzung erhöhen.
Die Branche sollte Anbauvorteile und konkrete Weine gemeinsam erklären. Der technische Fortschritt darf ein Kaufargument sein; er ersetzt nur nicht die Vorstellung davon, was später im Glas landet. Für Weintrinker heißt das: nach Stil, Süße und Ausbau fragen, die Resistenz als Zusatzinformation lesen und sich nach dem Probieren erlauben, mehr zu sagen als „für einen PIWI ganz gut“.
Quellen und weiterführende Links
- Deutsches Weininstitut, 12. April 2026: Mehr robuste Rebsorten in Deutschland – Flächenentwicklung 2025
- Julius-Kühn-Institut: Calardis Blanc erhält den Ritterschlag als neue offizielle Rebsorte (2020)
- Szolnoki, Kiefer (2024): Akzeptanz von PIWI-Rebsorten entlang der Wertschöpfungskette, Vortrag Luxemburger PIWI-Tag (PDF)
- Kiefer, Szolnoki: PIWI-Report 2023
- Weingut Galler: Premium-Sortiment
- Zukunftsweine / Weingut Eva Vollmer: Botenstoff
Stand: Oktober 2026. Auswertung von Branchenstatistik, Verbraucherforschung und dokumentierter Erzeugerkommunikation; keine eigene Verkostung der genannten Weine.
Bildnachweis: „Traube der Rebsorte Souvignier Gris (Zuchtnummer FR 392-83)a“ von Thorbjoern.Joerger, via Wikimedia Commons, lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de. Von Nerdwein zugeschnitten; der Ausschnitt steht ebenfalls unter CC BY-SA 3.0 de.
