Der neue deutsche Winzer: Biodynamisch, mutig, erfolgreich

Es ist Anfang September in Westhofener Kirchspiel, einer der besten Rheinhessenlagen. Philipp Wittmann steht zwischen seinen Rieslingreben und erklärt, warum er seinen Weinberg als Organismus begreift, nicht als Rohstofflieferant. Der Boden lebt. Die Begrünung ist artenreich. Unter den Reben wächst alles, was gewachsen ist — kein Herbizid, kein synthetisches Fungizid. Es duftet nach Erde und warmem Gras. Dreißig Schritte weiter beginnt ein konventionell bewirtschafteter Nachbarbetrieb. Der Unterschied ist sichtbar.

Der Generationenwechsel

In den letzten zwei Jahrzehnten hat eine neue Generation deutschen Winzerinnen und Winzer Weingüter übernommen — und viele von ihnen haben etwas verändert, das über bloße Stilistik hinausgeht. Sie haben die Bewirtschaftungsphilosophie neu verhandelt. Biologischer oder biodynamischer Anbau ist für viele von ihnen nicht Marketing, sondern Überzeugung. Gleichzeitig sind sie international vernetzt, haben in Burgund oder in Südafrika gearbeitet, bringen fremde Perspektiven in alte Familientraditionen.

Dieser Wandel ist nicht flächendeckend — Deutschland hat immer noch mehr konventionelle als biologische Betriebe. Aber die Meinungsführerschaft hat gewechselt. Die Betriebe, die in internationalen Fachmedien besprochen werden, die auf VDP-Großen-Gewächsen-Versteigerungen Rekordpreise erzielen, die junge Sommeliers inspirieren — das sind überwiegend Betriebe mit einem neuen Selbstverständnis.

Philipp Wittmann: Rheinhessen neu definiert

Philipp Wittmann übernahm das gleichnamige Weingut in Westhofen um 2004 in der dritten Generation und begann sofort, die Bewirtschaftung umzustellen. Heute ist das gesamte Weingut Demeter-zertifiziert — biodynamisch nach den strengsten verfügbaren Kriterien. Die Reben werden nach dem kosmischen Kalender von Maria Thun gepflegt; Hornmist- und Hornkiesel-Präparate gehören zum Jahreslauf des Betriebs.

Was den Wittmann-Riesling ausmacht, ist eine Präzision, die man von Rheinhessen lange nicht erwartete. Westhofen war lange als Region bekannt für weiche, zugängliche Weine. Wittmanns Morstein — ein Grand Cru im VDP-System — ist das Gegenteil: knochentrocken, mit einer Säurestruktur, die an die Mosel erinnert, und einer Lagentypizität, die Blind-Verkostungstests besteht. International wird er regelmäßig mit deutschen und österreichischen Spitzenrieslingen verglichen. Ein Wein, der beweist, dass Rheinhessen mehr kann als Liebfraumilch.

Eva Fricke: Die Rheingauer Stimme

Eva Fricke hat keinen familiären Weingutshintergrund. Sie studierte Önologie, arbeitete in mehreren Betrieben, gründete 2006 ihr eigenes kleines Weingut im Rheingau und kaufte oder pachtete sukzessive Lagen in Lorch am Rhein — einem Teil des Rheingaus, der lange im Schatten von Rüdesheim und Johannisberg stand. Ihre Rieslings aus Lorchhausen und Lorcher Kapellenberg stehen für einen Stil, den man als „kühl und fokussiert“ beschreiben könnte.

Fricke ist biozertifiziert, aber nicht missionarisch. Sie spricht weniger über Zertifikate als über die Frage: Was will die Rebe? Was will die Lage? Diese Offenheit für das Material, nicht für das ideologische System, macht ihre Weine lesbar und ehrlich. Sie hat außerdem aktiv zu einer Neubewertung von Lorch als Weinregion beigetragen — ein Gebiet, das höhere Höhenlagen, kühleres Klima und mehr Schieferboden hat als der berühmtere Kernbereich des Rheingaus.

Clemens Busch: Mosel ohne Kompromiss

An der Mosel steht Clemens Busch in Pünderich für eine andere Art von Unnachgiebigkeit. Sein Pündericher Marienburg, eine der steilsten und schwierigsten Lagen an der Untermosel, wird seit 2000 biodynamisch bewirtschaftet. Busch verchtet auf Mostkonzentration und Restsüße als Korrektiv — seine Weine sind trocken oder knapp halbtrocken, manchmal schwer zugänglich im jungen Stadium, aber von einer Tiefe und Komplexität, die mit Jahrzehnten rechnet.

Interessant ist, wie Busch mit der Heterogenität seiner Lagen umgeht. Er teilt den Marienburg in Subparzellen auf und vinifiziert sie separat: Fahrlay, Rothenpfad und Falkenlay sind nicht nur toponymische Unterscheidungen, sondern echte Geschmacksprofile. Das ist burgundische Terroir-Denke an der Mosel — und es zeigt, dass diese Philosophie nicht an der Grenze zu Frankreich endet.

Das Spannungsfeld: Tradition gegen Innovation

Nicht alle Übergaben verlaufen reibungslos. Manche Elterngeneration versteht nicht, warum der Sohn jetzt Hornmist ins Feld bringt oder die Keller-Technologie zurückbaut. Manche regionalen Verbände sind zögerlich, neue Stile in alte Klassifizierungssysteme zu integrieren. Und manche neue Winzer überschätzen, was „natürlich“ allein leisten kann — Wein ohne kellertechnische Kontrolle, der fehlerhaft ist, dient der Bewegung nicht.

Was diese Generation aber geeint hat, ist eine globale Haltung. Sie reisen, vergleichen, zweifeln. Sie sehen sich nicht als regionale Erzeuger, die an regionale Märkte liefern, sondern als Produzenten im internationalen Gespräch. Das zwingt zur Qualität — und zur Klarheit darüber, was man eigentlich sagen will.

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