Georgien und die Qvevri-Tradition: 8000 Jahre Weingeschichte in einem Tongefäß

In einem Keller in Signagi, der Hauptstadt der Kakheti-Region im östlichen Georgien, stehen sie aufgereiht wie schlafende Riesen: eiförmige Tongefäße, bis zum Rand in den Lehmboden eingegraben, mit Bienenwachs versiegelt. In diesen Qvevri reift Wein nach einer Methode, die älter ist als das Römische Reich, älter als die griechische Antike, älter als die ägyptischen Pharaonen. Archäologen haben in der Region Marneuli Weinreste in Tongefäßen gefunden, die auf 6000 vor Christus datiert werden — möglicherweise die ältesten Belege für Weinproduktion der Menschheitsgeschichte.

Das Qvevri: Mehr als ein Behälter

Ein Qvevri ist kein neutrales Behältnis. Das gebrannte Tongefäß, das in Georgien traditionell von spezialisierten Töpfern hergestellt wird, ist porös genug für einen minimalen Sauerstoffaustausch, aber dicht genug, um den Wein zu schützen. Seine EiForm ist kein Zufall: Die konvexe Innenwand erzeugt beim Gärprozess natürliche Konvektionsströme, die die Maische in Bewegung halten, ohne externe Eingriffe. Das Volumen variiert von wenigen hundert Litern bis zu mehreren tausend.

Die Innenseite wird nach der Ernte gereinigt, mit warmem Bienenwachs ausgekleidet und dann wieder mit Wein befüllt. Eingegraben in den Boden — oft im Keller, manchmal im Freien — hält das Erdreich die Temperatur konstant bei etwa zwölf bis vierzehn Grad. Keine elektrische Kühlung, keine Temperaturkurven auf dem Laptop. Die Erde selbst übernimmt die Klimatisierung.

Amber Wine: Die vergessene Farbe

Was aus einem Qvevri kommt, ist häufig kein Weißwein im klassischen Sinne. In der Kakheti-Region, Georgiens größtem und produktivstem Weingebiet, fermentieren Weißweintrauben wie Rkatsiteli oder Mtsvane traditionell mit Schalen und Kernen — manchmal für sechs Monate oder länger. Das Ergebnis ist ein Wein von tiefer Bernsteinfarbe, reich an Gerbstoffen und Extrakt, mit einer Tanninstruktur, die man von Weißweinen nicht erwartet.

Der Begriff „Amber Wine“ hat sich international durchgesetzt, nachdem der britische Weinhändler David Harvey und der Journalist Simon Woolf begannen, diese Weine einem angelsächsischen Publikum vorzustellen. In Georgien selbst spricht man von „Kakhetian Style“ oder einfach von traditionellem Wein. Orange Wine ist ein verwandter Begriff — aber nicht identisch. Orange Wines können in Amphoren, Holzfässern oder Stahltanks ausgebaut werden; das definitorische Merkmal ist die Mazeration der Schalen, nicht das Gefäß.

Kakheti vs. Imeretien: Zwei Philosophien

Georgien ist weinregional vielfältiger, als es von außen wirkt. Kakheti im Osten produziert etwa 70 Prozent des georgischen Weins und steht für die radikale Mazerationsmethode — lange Schalenreifung, viel Extrakt, kräftige Struktur. Imeretien im Westen des Landes verfolgt eine gemäßigtere Philosophie: Hier wird nur ein Teil der Schalen mitfermentiert, typischerweise zehn bis dreißig Prozent, für kürzere Zeiträume. Das Ergebnis sind elegantere, zugänglichere Weine, die international oft leichter vermittelbar sind.

Racha-Lechkhumi in den Bergen produziert einen der kuriosesten Weine der Welt: Khvanchkara, ein halbsüßer Rotwein aus der Alexandrouli-Traube, der durch natürlichen Gärstopp von Restzsüße gestoppt wird — ohne Schwefelzugabe, ohne Filtration. Josef Stalin soll ihn geliebt haben. Ob das eine Empfehlung ist, möge jeder selbst entscheiden.

UNESCO und die Wiederentdeckung

2013 nahm die UNESCO die georgische Qvevri-Weinbautradition in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit auf. Das hatte symbolischen und praktischen Wert: Jahrzehntelang hatte die sowjetische Kollektivierung die traditionellen Methoden verdrängt zugunsten von industrieller Massenproduktion. Die Qvevri wurden eingemauert, einbetoniert oder zerstört. Das UNESCO-Label half, eine Bewegung der Rückbesinnung zu legitimieren und zu beschleunigen.

Gleichzeitig kamen westliche Weintrinker auf Georgien aufmerksam, die den Naturweinbewegung nahestand. Georgische Weine aus Qvevris — ungefiltert, ohne Zusätze, handgemacht — passten perfekt in das ästhetische Programm dieser Szene. Festivals in Paris, London und New York präsentierten georgische Winzer einem neuen Publikum.

Pheasant’s Tears und Iago’s Wine

Zwei Namen tauchen in der georgischen Weinszene immer wieder auf. Pheasant’s Tears, gegründet vom amerikanischen Maler John Wurdeman und dem georgischen Winzer Gela Patalishvili in Signagi, produziert seit 2007 Qvevri-Weine aus autochthonen Rebsorten — darunter Rkatsiteli, Chinuri und Tavkveri. Wurdeman ist gleichzeitig Botschafter für georgische Polyphonie, georgisches Essen und eine gesamte Kultur. Seine Weine sind in Deutschland bei spezialisierten Importeuren erhältlich, der bekannteste der Rkatsiteli mit langer Schalenmazertion.

Iago Bitarishvili aus Chardakhi in Kartli ist eine andere Art von Legende. Er produziert ausschließlich Chinuri — eine Sorte, die kaum jemand außerhalb Georgiens kennt — in Qvevris ohne jede Schwefelzugabe. Seine Jahrgangsproduktion ist gering, die internationalen Wartelisten sind lang. Wer seine Weine trinkt, versteht, dass Tradition keine Einschränkung sein muss.

Was bleibt

Georgischer Wein ist nicht für jeden. Die Tanninstruktur von Kakhetian-Style-Weißweinen irritiert Menschen, die Weißwein mit Frische und Leichtigkeit assoziieren. Die Farbe verstört. Der Geruch — Trockenfrüchte, Bienenwachs, Erde, manchmal Oxidation — ist ohne Vorbildung schwer einzuordnen.

Aber wer sich einmal darauf eingelassen hat, wird das nicht mehr vergessen. In diesen Tongefäßen steckt keine Nostalgie, sondern eine vollständige, in sich geschlossene Ästhetik des Weinmachens — eine, die beweist, dass die Moderne nicht die einzige Form von Intelligenz ist.

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