Weinbau in England: Wie der Klimawandel eine neue Weinregion erschafft

Im Jahr 1988 gewann ein englischer Sekt bei einem Blindverkostungswettbewerb in London gegen mehrere Champagner. Die Nachricht verbreitete sich in Fachkreisen wie ein schlechter Witz. England? Champagner-Qualität? Das musste ein Fehler sein. Es war keiner — und heute, fast vier Jahrzehnte später, ist aus dem Witz bitterer Ernst für die Champagnerhäuser geworden.

Historischer Hintergrund

Weinbau in England ist keine Erfindung des Klimawandels. Die Römer pflanzten bereits Reben in Südengland, und im Mittelalter gab es bedeutende Klosterweinberge. Der Niedergang begann mit der Kleinen Eiszeit im 17. Jahrhundert. Die Temperaturen sanken, die Vegetationsperiode wurde zu kurz, und englischer Wein verschwand weitgehend aus dem kollektiven Gedächtnis.

Die moderne Ära des englischen Weinbaus begann in den 1950er Jahren mit Pionieren wie Edward Hyams und Major General Sir Guy Salisbury-Jones, der 1952 in Hampshire den ersten kommerziellen Weinberg der Neuzeit anlegte. Die Produktion blieb jahrzehntelang marginal und die Qualität durchwachsen. Noch in den 1990er Jahren war englischer Wein in kontinentaleuropäischen Fachkreisen bestenfalls eine Kuriosität.

Die Klimadaten erzählen eine klare Geschichte

Die Durchschnittstemperatur in Südengland hat sich seit 1980 um etwa 1,2 Grad Celsius erhöht. Für den Weinbau ist dieser Wert enorm bedeutsam: Eine Erhöhung um ein Grad verschiebt die Weinbaugrenze um 150 bis 200 Kilometer nach Norden. Das bedeutet, dass Gebiete in Kent, Sussex und Hampshire heute klimatisch dort stehen, wo die nördliche Champagne vor 30 Jahren stand.

Die Vegetationsperiode — gemessen in Growing Degree Days, der Summe der Tagesmitteltemperaturen über zehn Grad Celsius von April bis Oktober — lag in der Champagne in den 1980er Jahren durchschnittlich bei etwa 1050 GDD. In Südengland liegt dieser Wert heute in guten Jahren bei 950 bis 1000 GDD. Die Lücke ist klein geworden. In Ausnahmejahrenten wie 2018 und 2022 wurde sie geschlossen.

Kreide als geologische Verbindung

Es ist kein Zufall, dass die besten englischen Weinberge auf Kreideuntergrund liegen — derselben Formation, die unter der Champagne und unter Teilen der Côte des Blancs liegt. Der Tunnel unter dem Ärmelkanal durchbohrt dieselbe Kreideschicht, die sich von Kent bis in die Marne erstreckt. Kreide ist ein Untergrund mit außergewöhnlichen Eigenschaften: gut drainiert, aber in der Lage, Wasser in trockenen Perioden zu halten; wärmespeichernd durch seine helle Farbe; mineralstoffreich auf eine Art, die Weißweinreben — besonders Chardonnay und Pinot Noir — offensichtlich schätzen.

Weinberge wie Gusbourne in Kent oder Ridgeview in Sussex liegen direkt auf dieser Kreideformation. Die resultierenden Schaumweine zeigen eine Geradlinigkeit und mineralische Spannung, die tatsächlich an gute Champagner erinnert — nicht wegen Imitation, sondern wegen geologischer Verwandtschaft.

Nyetimber und Chapel Down: Die Vorreiter

Nyetimber in West Sussex gilt als Wegbereiter des modernen englischen Qualitätsweins. Gegründet 1988 von amerikanischen Investoren Sandy und Stuart Moss, die gezielt Champagner-Rebsorten pflanzten und Champagner-Methodik einführten, produzierte das Gut bereits 1992 einen Blanc de Blancs, der internationale Kritiker beeindruckte. Heute ist Nyetimber mit über 260 Hektar Rebfläche einer der größten englischen Weinproduzenten und exportiert in über 30 Länder.

Chapel Down in Tenterden, Kent, ist ein anderes Modell: börsennotiert seit 2001, mit über 700 Aktionären, volksgetragen und transparent. Der Betrieb hat auch stille Weine im Portfolio — Chardonnay und Pinot Noir ohne Bubbles — und positioniert sich als nationales Premiumprodukt. Beide Betriebe zeigen: Englischer Wein ist aus der Nischenphase heraus. Es geht jetzt um Skalierung.

Herausforderungen und offene Fragen

Der Aufstieg Englands hat seine Schattenseiten. Die Investitionskosten für Land in Südengland sind außerordentlich hoch — deutlich höher als in der Champagne. Arbeitskräfte sind nach dem Brexit schwerer zu finden und teurer. Die Betriebe sind jung, das Kapital oft knapp. Und das Klima bleibt volatil: Frühjahrsfröste, Septemberregen, Pilzkrankheiten in nassen Sommern sind reale Risiken.

Außerdem stellt sich die Frage der Stilidentität. Englischer Schaumwein ist gut, weil er nach englischem Schaumwein schmeckt — aber was ist das genau? Der Markt ist noch dabei, eine eigene Sprache für diese Weine zu entwickeln.

Prognosen bis 2050

Klimamodelle des UK Met Office projizieren für Südengland bis 2050 eine weitere Erwärmung von 1,5 bis 2 Grad gegenüber heute. Das würde noch spätreifendere Rebsorten ermöglichen — Cabernet Franc als Rotweinalternative ist bereits im Gespräch. Die Anbaufläche, heute bei knapp 4000 Hektar, könnte sich nach Expertenschätzungen bis 2040 verdoppeln. Ob das eine lineare Erfolgsstory wird oder durch klimatische Extreme unterbrochen wird, ist offen.

Was feststeht: Die Weinlandkarte Europas verschiebt sich gerade in Echtzeit. England ist nicht die einzige neue Region — Schweden, Polen, Dänemark, die Niederlande bauen aus. Der Klimawandel ist eine Katastrophe. Für den europäischen Nordweinbau ist er, paradoxerweise, gerade eine Gelegenheit.

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