Tokaj neu entdecken: Ungarns Weinschatz jenseits des süßen Klischees
Es war der Sommer 1703, und Ludwig XIV. von Frankreich hatte ein Problem: Er wollte seinen Gästen am Hof in Versailles den besten Wein der Welt servieren. Die Lösung lieferte Prinz Franz II. Rákóczi von Ungarn, der dem Sonnenkönig einen Transport Tokaji Aszú zukommen ließ — jenen goldenen Süßwein aus den Hügeln nordöstlich von Budapest, der seit dem 16. Jahrhundert die Tische der europäischen Monarchen schmückte. Ludwig soll ihn als „Wein der Könige, König der Weine“ bezeichnet haben.
Das ist heute schwer vorstellbar, wenn man die heutigen Preise sieht. Ein guter Tokaji Aszú 5 Puttonyos kostet 35 bis 60 Euro — für einen Süßwein dieser Komplexität, der mit den besten Sauternes oder deutschen Trockenbeerenauslesen konkurriert, lächerlich wenig.
Was Tokaji Aszú ist: Botrytis und das Puttonyos-System
Um Tokaj zu verstehen, muss man zwei Dinge wissen: die Rebsorte und den Schimmel.
Die Hauptrebsorte ist Furmint — eine autochthone ungarische Sorte mit dünner Schale, hoher Säure und außergewöhnlicher Anfälligkeit für Botrytis cinerea, den Edelschimmel. Botrytis ist dieselbe Pilzinfektion, die Sauternes groß macht und in Deutschland zur Trockenbeerenauslese führt. Der Pilz perforiert die Beerenhaut, Wasser verdunstet, die Beerenmasse konzentriert sich.
Im Tokaj-Gebiet — einem Vulkanboden-Hügelland nahe der slowakischen Grenze, wo herbstliche Nebel vom Fluss Bodrog aufsteigen — sind die Bedingungen für Botrytis besonders günstig. Das Puttonyos-System beschreibt heute die Restzuckermenge:
- 3 Puttonyos: mind. 60 g/l Restzucker — zugänglicher Einstieg
- 4 Puttonyos: mind. 90 g/l — hier beginnt die klassische Tokaj-Erfahrung
- 5 Puttonyos: mind. 120 g/l — Aprikose, Safran, Mandel, Orange, Säure
- 6 Puttonyos: mind. 150 g/l — selten, intensiv, jahrzehntelang alterungsfähig
- Aszú Eszencia: mind. 180 g/l — nur in sehr guten Jahren, legendäre Langlebigkeit
Tokaji Eszencia ist eine eigene Kategorie: der frei abtropfende Most aus gestapelten Aszú-Beeren, ohne Pressen. Er enthält bis zu 850 g/l Zucker. Einzelne historische Flaschen aus dem 18. Jahrhundert wurden in Kellern gefunden und als trinkbar beschrieben.
Der neue Tokaj: Trockener Furmint als Entdeckung
Während die internationale Weinpresse Tokaj jahrzehntelang ausschließlich als Süßwein-Region wahrnahm, entwickelte sich seit etwa 2005 eine zweite Identität: trockener Furmint als eigenständige Weinstil-Kategorie.
Furmint trocken ist strukturell etwas völlig anderes als Furmint süß. Die hohe Säure der Sorte — vergleichbar mit Riesling von der Mosel, manchmal schärfer — erzeugt Weine mit großer Spannung und Mineralität. Die vulkanischen Böden geben den Weinen eine eigenartige Rauchigkeit und Würze. Die Alterungsfähigkeit ist beträchtlich: Trockener Furmint aus guten Lagen kann 15 bis 25 Jahre reifen.
Hárslevelű: Die zweite Säule
Neben Furmint ist Hárslevelű („Lindenblatt“) die zweite wichtige Rebsorte. Hárslevelű ist weniger säurebetont, weicher, mit ausgeprägt floralen Noten (Lindenblüte, Akazien, Bienenwachs). Trocken ausgebaut ergibt sie zugänglichere Weine als Furmint — gut für den Einstieg in die Region.
Produzenten: Wer den modernen Tokaj definiert
István Szepsy gilt ohne Einschränkung als der wichtigste zeitgenössische Winzer Tokaj-Hegyaljas. Szepsy begann in den frühen 1990er Jahren, nach dem Ende des kommunistischen Kollektiv-Weinbaus, sein Weingut in Mád aufzubauen und definierte den Stil des trockenen Furmint als eigenständige Weltklasse-Kategorie. Sein Szepsy Furmint Úrágya ist eine der begehrtesten Flaschen der Region.
Royal Tokaji ist das bekannteste internationale Weingut der Region, 1990 gegründet, u.a. mit Beteiligung des britischen Weinhändlers Hugh Johnson. Ihre Aszú-Weine — insbesondere Mézes Mály und Nyulászó — sind klassisch, verlässlich und für Einsteiger ideal.
Disznókő ist eine der größten Domänen, 1992 von der französischen Versicherungsgruppe AXA übernommen. Gut für den Einstieg, stilsicher und international ausgerichtet.
Oremus gehört zur spanischen Vega-Sicilia-Gruppe und produziert sowohl klassischen Aszú als auch trockene Furmint-Weine (Mandolás) auf hohem Niveau.
Erzsébet Pince ist ein kleineres, familiengeführtes Weingut, das trockene Furmint- und Hárslevelű-Weine produziert, die regelmäßig die Qualität bekannterer und teurerer Betriebe übersteigen.
Warum Tokaj noch immer unterbewertet ist
Die Zahlen sind eindeutig. Ein Tokaji Aszú 5 Puttonyos von Royal Tokaji oder Szepsy kostet 40 bis 70 Euro. Ein Sauternes vergleichbarer Qualität — Château Rieussec oder Suduiraut — beginnt bei 80 Euro und endet bei über 200 Euro. Ein Château d’Yquem kostet das Zehnfache.
Der Preisunterschied erklärt sich aus Bekanntheit, Distributionsnetzwerk und Marketing. Sauternes sitzt innerhalb des Bordeaux-Systems mit seinen globalen Händlernetzwerken. Tokaj sitzt in Ungarn.
Das ändert sich. Szepsy hat Wartelisten. Royal Tokaji erhöht die Preise. Das Zeitfenster, in dem man Weltklasse-Süßweine und hochwertige trockene Furmints zu Discounter-Preisen kauft, schließt sich.
Womit anfangen — konkrete Empfehlungen
Einstieg: Ein Royal Tokaji Aszú 5 Puttonyos (35–50 Euro) ist die klassische Einführung. Dazu: ein trockener Disznókő Furmint (15–20 Euro), um zu verstehen, was die Rebsorte außerhalb des Aszú-Kontexts kann.
Nächste Stufe: Erzsébet Pince Furmint trocken oder Oremus Mandolás Furmint — beide zeigen das Alterungspotenzial der Sorte und die mineralische Tiefe.
Für Kenner: Szepsy ist schwer zu finden, aber der Aufwand lohnt sich. Wer keinen Zugang hat: Royal Tokaji Mézes Mály oder Nyulászó sind Einzellagen-Aszú, die daran erinnern, warum Ludwig XIV. diesen Wein als König bezeichnete.
Tokaj ist nicht so einfach zu verstehen wie Burgund und nicht so medial präsent wie Sauternes. Aber es ist eine der wenigen Weinregionen, in der Geschichte, Terroir und Modernität so eng ineinandergreifen — und in der man noch immer das Gefühl hat, etwas zu entdecken, bevor es alle wissen.
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