Spätburgunder: Pfalz gegen Baden gegen Ahr — drei Regionen, drei Stile
Auf einem Tisch in einem Kölner Weinlokal stehen drei Gläser. Alle drei sind mit deutschem Spätburgunder befüllt, alle drei aus dem Jahrgang 2020. Farbe, Geruch, Geschmack: nichts davon ist identisch. Das erste kommt von der Ahr, das zweite aus der Pfalz, das dritte aus Baden. Wer alle drei als „deutschen Pinot Noir“ in eine Schublade steckt, macht denselben Fehler, wie Bordeaux und Rioja als „Rotwein“ zusammenzufassen.
Spätburgunder in Deutschland: Ein kurzer Überblick
Spätburgunder — die deutsche Bezeichnung für Pinot Noir — ist mit etwa 12.000 Hektar Anbaufläche nach Riesling und Müller-Thurgau die drittmeistangebaute Rebsorte Deutschlands. Er gedeiht am besten in den wärmeren Regionen: Baden, Pfalz, Ahr, Rheinhessen und Württemberg. Die genetische Identität der Sorte ist etabliert — Spätburgunder ist Pinot Noir, vollständig — aber Klonauswahl und Bewirtschaftung variieren erheblich zwischen Betrieben.
International genießt deutscher Spätburgunder seit den 2010er Jahren wachsende Aufmerksamkeit. Kritiker wie Jancis Robinson und Antonio Galloni haben wiederholt auf die Qualität hingewiesen. Die Preise der Spitzenproduzenten sind entsprechend gestiegen — Meyer-Näkel-Reserveweine von der Ahr sind heute schwer unter 40 Euro zu bekommen.
Die Ahr: Tief, dunkel, strukturiert
Die Ahr ist mit etwa 560 Hektar eine der kleinsten deutschen Weinbauregionen — und gleichzeitig die bedeutendste für Spätburgunder. Das enge Tal in der Eifel, das sich hinter der Ortschaft Altenahr verengt, bietet eine Geologie, die einzigartig ist: Grauwacke, Schiefer und Devonschiefer in den Steillagen, kombiniert mit einem für diese nördliche Lage überraschend warmen Mikroklima, das durch die Talenge und die Südexposition der Hänge entsteht.
Ahrtaler Spätburgunder hat einen unverwechselbaren Stil: tief in der Farbe, mit einem Tanninprofil, das an warme burgundische Appellationen erinnert, einer Frucht zwischen dunkler Kirsche und Pflaume und einer erdigen, mineralischen Tiefennote. Weingut Meyer-Näkel in Dernau ist die Referenz: Geschäftsführerin Dörte Meyer-Näkel und ihr Team produzieren eine Lagenserie, die die Heterogenität des Ahrtals dokumentiert. Die Lage Derneuer Pfarrwingert aus Grauwacke zeigt eine andere Textur als der Walporzheimer Kräuterberg auf Schieferverwitterungsboden.
Die Pfalz: Opulenz mit Rückgrat
Die Pfalz, das wärmste Weinbaugebiet Deutschlands, erzeugt Spätburgunder mit deutlich mehr Körper und Reife. Hier sind die Böden divers — Buntsandstein, Kalkstein, Lehm, Basalt — und das Klima erlaubt regelmäßig vollständige physiologische Reife. Pfälzer Spätburgunder ist nicht burgundisch im Stil; er ist eigenständig.
Friedrich Becker aus Schweigen im südlichen Pflälzer Schweigen ist die unangefochtene Spitzenadresse. Becker bewirtschaftet Lagen auf beiden Seiten der französisch-deutschen Grenze — teils im Elsass — und hat einen Stil entwickelt, der an die nördliche Rhône erinnert: muskulös, konzentriert, mit dunklen Früchten und einer würzigen Komponente, die man nirgendwo sonst in Deutschland findet. Sein Kammerberg ist international vergleichbar mit Spitzenburgundern bewertet worden, ohne Einschränkung.
Baden: Eleganz und Finesse
Baden ist die flächenmäßig größte deutsche Weinbauregion, aber intern stark fragmentiert. Die Kaiserstuhl-Teilregion, ein Vulkankegel am Oberrhein mit Lösslehm- und Basaltböden, ist für Spätburgunder am bedeutendsten. Das Klima ist warm, die Herbste lang — ideale Bedingungen für langsame Reife.
Dr. Heger in Ihringen am Kaiserstuhl ist die klassische Referenz. Joachim Heger produziert Spätburgunder mit einer Eleganz, die ihn von der Pfälzer Opulenz deutlich abhebt: heller in der Farbe, feiner im Tannin, mit einer rotfrüchtigen Ausrichtung und floralen Noten, die an Burgund erinnern — mehr Chambolle-Musigny als Gevrey-Chambertin. Die Lage Winklerberg auf Vulkangestein ist das Flaggschiff. Wolf-Metternich aus Durbach produziert ebenfalls feingliedrige, aromabetonte Spätburgunder, die für Weinkenner unverhältnismäßig günstig sind.
Direkte Vergleichsempfehlung
Wer die drei Stile direkt erfahren will, empfiehlt sich folgendes Tasting: Meyer-Näkel „Blauschiefer“ Ahr (robukte Schieferstruktur), Friedrich Becker „Spätburgunder“ GG Pfalz (Tiefe und Konzentration), Dr. Heger „Winklerberg“ GG Baden (Finesse und Helligkeit). Alle drei aus demselben Jahrgang, Raumtemperatur, große Gläser. Wer danach noch behauptet, Spätburgunder sei immer gleich, hat nicht aufgepasst.